Sophia und Bastian

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Von einem Tag auf den anderen verändert sich das selbstständige Leben und Arbeiten von Sophia und Bastian, als dieser die Diagnose Darmkrebs mit Metastasen erhält. Wie sie als Paar, aber auch jeder für sich, mit diesem neuen Leben umgehen, erzählt Sophia uns stellvertretend für beide.

»Unsere Geschichte beginnt damit, dass Bastian fast zehn Kilogramm Gewicht verloren hat, ohne irgendetwas an seiner Ernährung verändert zu haben. Danach kamen Blut im Stuhl und Bauchschmerzen dazu, weswegen er zum Hausarzt ging. Der machte einen Ultraschall und stellte Flüssigkeit im Bauch fest. Er verwies Bastian direkt in die Notaufnahme und so kam es drei Tage später, Mitte Oktober letzten Jahres, zur furchtbaren Diagnose Darmkrebs im Endstadium, mit Metastasen in Leber, Bauchfell und Lymphknoten. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Am 13. Oktober die Diagnose, am 20. Oktober die große Darm-Operation. Danach folgten unzählige harte Arztgespräche, Zweitmeinungen wurden eingeholt und letzten Endes entschieden wir uns, die Chemotherapie in der Uniklinik Erlangen zu machen. Der erste Chemozyklus ging los. Die Nebenwirkungen waren für Bastian gut ertragbar. Er kämpft so tapfer und lässt sich nicht unterkriegen. Dann stand das erste Kontroll-CT an. Schlaflose Nächte vorher, Mental-Breakdowns und harte Gespräche mit Psychoonkologen. Die Ergebnisse brachten nach so langer Zeit das erste Mal Erleichterung und Hoffnung: Alle Metastasen schrumpfen, alles wird kleiner. Es sind keine neuen Metastasen dazugekommen.
Die Gefühle, die diese Nachricht auslöste, sind immer noch kaum in Worte zu fassen. Der zweite Chemozyklus geht also genau so weiter wie bisher. Es geht ihm mal gut und mal weniger gut damit. So wechselt es immer wieder, wobei wir schon sagen können, dass wir mittlerweile deutlich mehr gute als schlechte Tage haben, aber die schlechten Tage hauen dafür doll rein. Was uns gerade in der ersten Zeit nach der Diagnose geholfen hat: Die Gedanken immer wieder ins Hier und Jetzt holen. Sobald wir gemerkt haben, die Gedanken ziehen Kreise: Punkt für Punkt durchgehen, was wir heute gemacht haben und was heute noch ansteht. Mittlerweile können wir sehr gut über fast alle Krebsthemen sprechen, was wir auch tun. Wir haben zum Beispiel auf unserem Whiteboard in der Küche stehen, wie viele ›Tage ohne Tränen‹ wir aktuell haben. Und das nicht mit dem Ziel, nicht zu weinen, sondern mit dem Ziel, immer direkt darüber zu sprechen, wenn es einem von uns zu viel wird. Mittlerweile sind wir durchschnittlich bei neun Tagen ohne Tränen und unsere Gespräche über unsere Gefühle laufen sehr routiniert ab. Wir schaffen es dadurch sehr gut, uns wieder und wieder aus dem schwarzen Loch, in das wir fallen, rauszuholen. Zudem haben wir uns beide Projekte gesucht, die absolut unseren Vorlieben entsprechen und einfach nur guttun. Bei Bastian: Er programmiert eine wahnsinnig tolle Nebenwirkungsmanagement-App für Krebsbetroffene. Bei mir: Ich habe drei Kitten von der Straße gerettet und kümmere mich um sie. Eine unserer stärksten Strategien zur Bewältigung dieser ganzen Scheiße ist unser Slogan ›WKR‹. Das ist aus einer ganz lieben Nachricht meines Bruders entstanden. Er schrieb kurz nach der Diagnose die Nachricht, wie sehr er an Bastian glaubt und dass er diesen ›Wixxer-Krebs rausballern‹ wird. Daraus wurde ›WKR‹. Und dieser Slogan, dieses Motto begleitet uns seitdem immer überall mit hin. Meine Familie hat Hoodies für alle mit der Aufschrift anfertigen lassen, die für uns fast zur Chemo-Uniform wurden. Eine Freundin hat eine WKR-Schlüsselanhänger-Spendenaktion gemacht und mit meinen Geschwistern haben wir WKR-Armbänder gemacht. Daraus entstand so eine Kraft, so viel Mut und Wille, diesen scheiß Wixxer-Krebs zu besiegen. Schwer in Worte zu fassen, für uns unglaublich wertvoll.

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Unser Alltag hat sich um 180° gedreht. So ein heftig einschneidendes Erlebnis haben wir beide noch nie gehabt. Wir waren vorher beide hauptberuflich selbstständig. Jetzt sind wir aktuell beide arbeitslos und leben von unseren Ersparnissen und Spenden von Familie und Freunden. Ob, wann und wie wir wieder in unser altes Berufsleben finden, wissen wir nicht. Zu vieles hat sich verändert und verändert sich immer noch. Unser Alltag sieht aktuell so aus, dass Bastian aufgrund seiner Chemotherapie ganz bewusstes Energie- und Nebenwirkungsmanagement betreibt. Er achtet gut darauf, wie viel Energie er hat, wofür er sie einsetzt und wann er Pausen zur Erholung braucht. Das hilft ihm, körperlich und mental fit und belastbar zu bleiben. Zudem dokumentiert er sehr strukturiert all seine Nebenwirkungen, um seinen Onkologen immer up to date halten zu können und vor allem, um über sich selbst am besten Bescheid zu wissen. Das ist zum Beispiel alles Teil seiner App, die hoffentlich bald fertig ist und dann vielen weiteren Krebsbetroffenen wieder ein Stück mehr Kontrolle über ihr Leben zurückbringen kann.
Meinen Alltag baue ich um all das Drumherum. Ich übernehme Tätigkeiten, die ihm schwerfallen, zu viel Energie kosten oder einfach nicht mehr gehen. Wie zum Beispiel Eier aufschlagen. Die kalte Schale und das nasse Ei, das geht nicht mehr. Oder Wäsche aufhängen oder die Spülmaschine ausräumen, Katzenklos sauber machen. Durch die Chemo ist es sehr geruchsempfindlich geworden und aufgrund seiner Neuropathie sind kalte und nasse Gegenstände sehr unangenehm anzufassen. Also übernehme ich das. Ich fühle mich aktuell gewappnet und den vielen Herausforderungen gewachsen. Ich weiß, dass ich sehr viel leiste, zurückstecke und anpasse. Und ich weiß auch, dass es gerade deswegen so wichtig ist, auf mich selbst zu achten und mir Zeit für die Dinge zu nehmen, die mir wirklich guttun. Wir beide haben mit dem Zeichnen angefangen. Also wirklich angefangen habe eigentlich nur ich. Basti zeichnete während seiner Schulzeit schon sehr viel. Ach, und ich filze jetzt. Kleine Filzkugeln zum Spielen für die Katzen. Sie lieben es und mir macht es Spaß.
Außerdem ist für mich unser Social-Media-Account sehr wichtig geworden. Darüber zu schreiben, was uns passiert, was das auslöst und wie wir damit umgehen, ist Teil meines Verarbeitungsprozesses. Das hilft mir sehr. Wir versuchen gerade so nach und nach mit unserem Account unsere Geschichte aufzuarbeiten und erzählen von allen Hochs und Tiefs. Der Zuspruch, Austausch und die Verbundenheit sind einfach krass. Wir würden uns sehr freuen, wenn er mit Bastis Geschichte noch vielen weiteren Menschen Mut machen und unsere Philosophie mitgeben können:
Wenn du kämpfen willst, kämpfe!
Wenn du traurig bist, nimm dir Zeit zum Trauern.
Wenn du einsam bist, ruf Familie oder Freunde an und sag, es soll mal jemand rumkommen.
Wenn du müde bist, schlafe.
Wenn du fluchen willst, fluche.
Und wenn du deine Ruhe vor blöden Floskeln haben willst, klick es weg!
Die Quintessenz daraus ist: sei egoistisch. Denke jetzt nur an dich und schieb alles, was stresst einfach weg. Du hast oberste Priorität.«

Sophia und Bastian lächeln gemeinsam in die Kamera.
Name
Sophia und Bastian
Website
Interviewt von
Erzählt am
26.6.2026
Verstorben am

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