
»Mein Name ist Jana und bei meiner ersten Diagnose war ich 31 Jahre alt. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass irgendwas nicht ganz in Ordnung war. Als würde ich jeden Moment krank werden und wenn ich erkältet war, kam ich nicht mehr richtig auf die Beine. Ich hatte hartnäckige Nackenschmerzen, und irgendwann kamen starke Migräneanfälle dazu. Vor meiner Krebsdiagnose habe ich getanzt und sehr viel Sport gemacht. Ich habe dann meine körperliche Verfassung darauf geschoben. Ich dachte, dass ich mich einfach überlastet hätte und sowieso zu viel Stress habe. So richtig geglaubt habe ich mir das aber selbst nicht.
Im November 2023 kamen dann ein trockener Husten und Herzrasen dazu. Nachdem ich auch das zunächst auf eine sich anbahnende Erkältung und meinen Zyklus geschoben hatte, habe ich fast 39° Fieber entwickelt und mich krankschreiben lassen. Meine Hausärztin vermutete eine atypische Lungenentzündung und verschrieb mir ein Antibiotikum. Als das nicht half und ich mittlerweile so schwach war, dass ich kaum noch laufen konnte, schickte sie mich in die Notaufnahme. Als sie dort einen dreizehn Zentimeter großen Tumor hinter meinem Brustbein entdeckten und mir sagten, sie würden mich jetzt in die Onkologie überweisen, musste ich lachen. Alles hat plötzlich Sinn gemacht und zugleich seine Bedeutung verloren.Von da an ging es ganz schnell. Zwei Wochen lang war ich stationär im Krankenhaus zur Diagnostik. Mein Brustkorb wurde punktiert, ein PET-CT-Staging gemacht und ein Port eingesetzt. Mein Krankheitsstadium wurde als fortgeschritten eingestuft und vor mir lagen sechs Monate Chemotherapie. Die waren wie ein Fiebertraum.
An vieles erinnere ich mich kaum noch. Und das, woran ich mich erinnere, möchte ich am liebsten vergessen. Am Ende der Therapie galt ich als krebsfrei. Komplette metabolische Remission.Meine Familie und meine Freunde waren glücklich und erleichtert. Ich konnte mich aber kaum freuen und habe mich vor allem unendlich versehrt und leer gefühlt. Ich hatte den Bezug und das Vertrauen zu meinem Körper völlig verloren und hatte Schwierigkeiten, zurück in einen Alltag zu finden. Meine größte Hilfe dabei war meine Psychotherapeutin und Sport. So oft und so gut es eben ging.Im Herbst 2024 habe ich wieder begonnen zu arbeiten. Das hat mir viel Selbstwert, Autonomie und Struktur zurückgegeben, konnte mir meine ständige Angst aber nicht nehmen.Im Januar 2025 wurde dann auf meinen starken Wunsch hin, eine erneute PET-CT gemacht.Und wie in einer Zeitschleife zeigte sich wieder eine Raumforderung – Verdacht auf ein Rezidiv.
Darauf folgten vier Monate Unklarheit und mehrere Punktionen. Jede Punktion war eine Nervenprobe. Der Tumor lag direkt an einer Hauptarterie hinter dem Schlüsselbein und musste CT‑gesteuert unter örtlicher Betäubung punktiert werden.Die Befunde blieben unklar und meine Onkologen einigten sich darauf abzuwarten und drei Monate später, ein erneutes PET-CT und eine Punktion zu machen.An diesem Tag habe ich beschlossen, dass diese beschissene, ungerechte Krankheit mir keine weitere Sekunde meiner kostbaren Zeit stehlen wird.
Ich war fest entschlossen, diese drei Monate frei von den Gedanken an Krebs, Angst und Gedanken an die Zukunft zu verbringen. Und es hat mich manchmal selbst erstaunt, wie gut es geklappt hat. Ich habe meinen Job beendet, war auf Mallorca zum Wandern, ich bin mit Freunden nach Tschechien gefahren, habe einen Roadtrip auf Island gemacht und habe wieder begonnen zu Tanzen. Ich war auf Konzerten, Lesungen, Geburtstagspartys. Ich habe neue Freunde gefunden, verlorene Freundschaften wiederentdeckt und habe meine (noch kurzen) Haare. Blondiert. Als dann im Sommer der endgültige Rezidiv-Befund kam, habe ich eine Woche lang meinen Geburtstag auf alle erdenklichen Arten gefeiert.
So konnte ich voller Liebe und Glück in die nächste und letzte Behandlung gehen.Ich habe mich noch nie entschlossener gefühlt. Auch wenn mich die letzten acht Monate an und über Grenzen geführt haben, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt, habe ich eine große Zuversicht und die noch lose Verbindung zu meinem Körper dabei nie ganz verloren.Zwischen den Chemotherapie-Blöcken bin ich mit Freunden nach Griechenland geflogen, habe einen Umzug in eine neue Stadt gemacht und ein Studium begonnen.Auch wenn es oft nur mit viel Überwindung und letzter Kraft möglich war: Ich habe mir das Leben nicht nehmen lassen.Und das will ich mir für immer bewahren. Ich bin gut darin geworden, im ›Jetzt‹ zu bleiben. Das funktioniert die meiste Zeit und hilft mir, diesem Leben mit Leichtigkeit zu begegnen, auch wenn es innen, wie außen alles andere als leicht ist. Aber es ist mein Leben. Und egal wie es sich zeigt, es ist mein größter Schatz und niemals weniger wert, wegen einer Krankheit, Schmerzen oder Verlust. Im Gegenteil: Ich verstehe jetzt erst, wie wertvoll es überhaupt ist.«
