
»Mein Leben teilt sich in ein Davor und ein Danach. Im Davor war ich Mitgründerin einer Kommunikationsagentur, die schnell gewachsen ist. Alles lief wie am Schnürchen.
Und dann kam der 5. Dezember 2023. Ich ging – nun schon zum 3. Mal – mit einem Knoten unter der Zunge zum Arzt. Anders als derselbe Arzt noch ein paar Monate vorher angenommen hatte, hatte sich der Knoten mit etwas Kamillentee-Trinken nicht erledigt. Im Gegenteil: Er machte plötzlich große Augen, während der Arzthelferin Tränen in die Augen schossen. Dann ging alles ganz schnell: Er rief im UKE (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) an und bat mich, jemanden mitzunehmen. ›V. A. PEC‹ stand auf meiner Überweisung, was übersetzt ›Verdacht auf Plattenepithelkarzinom‹ heißt.
Ich bin mit einer Freundin im Taxi ins Krankenhaus gefahren, und darauf folgten drei Tage voller Termine, Untersuchungen, Aufklärung und der Diagnose: Plattenepithelkarzinom am Zungenrand links. Die OP 10 Tage später war für vier Stunden geplant, hat aber zwölf Stunden gedauert. Der Tumor war viel größer als erwartet und ein gutes Viertel meiner Zunge musste entnommen werden. Ich habe ein Transplantat aus meinem linken Oberarm bekommen, um die fehlende Zunge wieder aufzubauen. Außerdem wurde eine totale Neck-Dissection durchgeführt. Das heißt, sämtliche Lymphknoten an meinem Hals wurden prophylaktisch entfernt.
Leider blieb mir auch eine Bestrahlung nicht erspart, da meine Ärzt:innen aufgrund der Aggressivität meines Tumors kein Restrisiko eingehen wollen. Das hieß für mich: Fünf Wochen, sechsmal die Woche, freitags morgens und abends in die Strahlentherapie. Die Schleimhäute verbrannten und ich konnte am Ende nicht mal mehr Wasser trinken, ohne vorher Schmerzmittel zu nehmen. Das war wirklich und wahrhaftig die schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens.
Am Ende habe ich aber alles gut überstanden – vor allem dank meines Umfelds. Meine Freundinnen und Freunde waren wirklich immer da, haben mir nie das Gefühl gegeben, eine Last zu sein, oder mich nicht mehr in ihr Leben integriert.
Das ist, würde ich sagen, auch mein größter Ratschlag an alle Angehörigen. Gebt euren Liebsten nicht das Gefühl, dass sie kein Teil mehr eures Lebens sind. Integriert sie, teilt euren Alltag mit ihnen, eure Normalität. Behandelt sie nicht wie rohe Eier und nehmt es ihnen gleichzeitig nicht übel, wenn sie KO sind, launisch oder traurig sind. Seid nicht streng mit ihnen und erwartet nichts von ihnen. Mir hat all das jedenfalls geholfen, mich ›normaler‹ in diesem Ausnahmezustand zu fühlen.
Ansonsten ist mein Appell: Achtet auf euren Körper und nehmt Veränderungen ernst. Ich wurde von zwei Ärzten weggeschickt, das hätte mich – nur noch ein paar weitere Wochen später – mein Leben kosten können. Daher bleibt hartnäckig, holt euch eine zweite oder dritte Meinung ein, wenn ihr das Gefühl habt, dass etwas nicht stimmt. Auch, wenn junge Patient:innen nur einen kleinen Anteil der jährlich Neuerkrankten ausmachen, es gibt sie eben, die jung an Krebs erkranken.«
