Johanna

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Johanna und ihr Mann glaubten, den Kampf gegen den Krebs hinter sich gelassen zu haben. Doch dann wurde bei ihm während eines Kontroll-CT eine Metastase an den Rippen entdeckt. In ihrer Geschichte erzählt uns Johanna wie sie in der Zeit der Therapie an ihre Grenzen geht um für die Familie stark zu bleiben.

»Es ist September, genau genommen ein Dienstag Anfang September. Ich koche gerade, unsere Kinder (1 und 5 Jahre) schreien im Wohnzimmer herum. Mir geht es gut. Am Wochenende war ich auf einem Motivationsseminar von Tony Robbins (US-amerikanischer Bestsellerautor und Mentaltrainer). Ich lächle in mich hinein bei dem Gedanken daran. Mein Mann wuselt auch in der Wohnung herum. Er hat gerade noch im Homeoffice gearbeitet und redet vor sich hin. Auf einmal steht er mit seinem Laptop neben mir.
›Johanna. Lies das mal, heißt das...?‹ Er schluckt und schaut mich erwartungsvoll an. Ich sehe: Es ist ein Arztbrief. Mein Mann war heute wie alle fünf bis sechs Monate zum Kontroll-CT. Ich überfliege die Sätze, auf die er zeigt. Eine Metastase – mehrere Zentimeter groß. Mir schießen die Tränen in die Augen. Nein, nein, nein. Gerade war doch noch alles gut. Nicht schon wieder. Er war doch geheilt.
Was darauf folgt: Langes Warten auf neue Arzttermine und Vorstellen in Sarkomchirurgien, da die Metastase kompliziert an der Brustwand an den Rippen liegt. Wochen vergehen, bis es mit der Behandlung losgeht – einer Protonen-Ionen-Bestrahlung.
Es ist November. Es regnet. Das Taxi fährt in unsere Straße, mein Mann geht. Die Kinder stehen am Fenster und winken. Mein Herz zerreißt, nicht nur dieses Mal. Der Anblick der Kinder und meine starken Gefühle von Wut, Traurigkeit und Angst beginnen mich fertigzumachen. Trotzdem gelingt es mir nach wie vor, für alle da zu sein und das System am Laufen zu halten – zumindest solange mein Mann bei der Bestrahlung ist. Als feststeht, dass er erst im Januar operiert wird, gehen bei mir alle Rollläden runter. Noch so lange warten, diesen Zustand noch so lange aushalten? Ich kann doch gar nicht mehr. Ich kümmere mich jetzt seit drei Monaten jeden Tag um fast alles. Meine Ressourcen sind im Minus. Ich muss etwas ändern, ich brauche Hilfe.
Es ist Ende November. Es ist kalt und ich weine. Ich weiß, dass es so nicht weitergeht. Ich beschließe, mir endlich Hilfe zu holen, und gehe zur offenen Sprechstunde der Krebsberatungsstelle. Endlich darüber sprechen und mich öffnen. Endlich eine, die mich wirklich versteht. Wir starten zunächst mit einer Haushaltshilfe, die über die Stadt finanziert wird, ab der Operation dann über die Krankenkasse.

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Es ist kurz vor Weihnachten. Ich liebe Weihnachten – eigentlich. Dieses Jahr habe ich keine Lust darauf. Ich möchte einfach nur, dass es weitergeht und die Operation stattfindet – Haken dran. Ich war noch einmal arbeiten. Das ist immer ganz nett, dort ist nämlich alles gut und ich meistens normal.  Ich komme nach Hause, mein Mann liegt mit einer Decke auf dem Sofa. Seltsam, das macht er nur, wenn er krank ist. Ich setze mich zu ihm: ›Ich habe noch viele weitere Metastasen in der Lunge‹. Ich schüttele den Kopf, fange an zu weinen und liege am Boden. Das kann doch alles gar nicht sein. Wie soll ich das jetzt noch schaffen? Wie soll er es schaffen? Wird er es schaffen? Meine Gedanken rasten aus.
Nach Rücksprache mit den behandelnden Ärzten steht fest: Jetzt folgt definitiv auf die Operation eine Chemotherapie – stationär, alle drei Wochen. ›Eine richtig harte Chemotherapie‹ heißt es. Es sind viele Gefühle da – Angst, Traurigkeit, Erleichterung? Vielleicht ein bisschen. Vielleicht wird durch die Chemotherapie endlich alles gut.
Es ist April, ein Montagmorgen. Ich sitze auf unserem Bett, irgendwie ist es immer noch kühl. Ich habe frei und brauche eine Pause. Ich war am Samstag mal wieder auf einem Seminar, dieses Mal mehr spirituell, Persönlichkeitsentwicklung. ›Deine Herausforderungen in deinem Leben schleifen deinen Diamanten, den du weitergeben kannst.‹ Ja, das fühle ich und das möchte ich auch. Also teile es, deine Geschichte und deine Stärke. Ich bin jetzt 37 Jahre alt, ich lebe selbst seit meinem sechsten Lebensjahr mit Rheuma. Ich liebe und lebe Gesundheitsthemen, ich helfe beruflich erkrankten Menschen, und ich möchte, dass dies noch viel mehr wird. Es ist einfach mein Weg.
Jetzt stehen uns noch die letzten zwei, drei Monate Ausnahmezustand bevor – Chemotherapie, Reha, hoffentlich keine Operation mehr. Natürlich schaffen wir das. Ganz ehrlich: So etwas Krasses, Herausforderndes habe ich noch nie erlebt. Bei dem Motivations-Seminar im September bin ich übrigens über glühende Kohlen gelaufen. ›Das war ja babyleicht im Vergleich‹, würde meine Tochter dazu sagen.«

Johanna hat ihre blonden Haare zurückgesteckt, trägt ein weißes Oberteil und lächelt in die Kamera.
Name
Johanna
Website
Interviewt von
Erzählt am
2.6.2026
Verstorben am

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