
»Ich heiße Stefanie, bin jetzt 37 Jahre alt und habe bis Tag X ein ›spießiges‹ Leben in einer Vorstadt Münchens als Lehrerin, Ehefrau und Mutter geführt. Alles war, wie es sein sollte. Jeden Abend bin ich vor dem Zubettgehen in die Schlafzimmer meiner Töchter (damals zwei und sechs Jahre alt) gegangen und habe ihnen beim Schlafen zugesehen und mich in meinem Glück gesuhlt. Tatsächlich habe ich mir damals die Frage gestellt, was jetzt noch kommen mag, wo ich alle Ziele im Leben erreicht habe, nicht ahnend, was mir bevorsteht.
Im Januar 2021 ging es los mit sämtlichen, für mich unspezifischen und zusammenhangslosen Symptomen, die ich erfolgreich verdrängt habe, bis ich es nicht mehr konnte. Die Hausärztin verschrieb mir im Februar wegen meines wunden Rachens und des hohen (über 41 °C) Fiebers Penicillin, sprich Antibiotika.
Schließlich rief meine Mutter aus Sorge einen Freund an (ebenfalls Hausarzt), der noch am selben Tag bei mir daheim Blut abnahm und ins Labor schickte. Ich war mir sicher, einen hartnäckigen Virus eingefangen zu haben.
Selbst bei der Onkologin, zu der ich am nächsten Tag zitiert wurde, habe ich bis zur Diagnoseverkündung nichts geahnt. Naiv und vollkommen verdrängend habe ich die vergangenen Wochen einfach durchgehalten.
Als die Onkologin mir sagte: ›Sie haben akute Leukämie und müssen noch heute ins Krankenhaus, um mit der Chemotherapie zu beginnen‹, fiel ich aus allen Wolken. Genauso erging es im Anschluss meinem Mann am Telefon. Ohne mich von meinem Mann und den Kindern zu verabschieden, wurde ich von meinem Vater ins Rotkreuzklinikum gebracht. Er durfte mich nur bis an den Eingang der Notaufnahme begleiten, da die Corona-Lage keine Begleitung zuließ. Ich wusste nicht, ob ich lebend wieder das Krankenhaus verlassen würde.
Meine Onkologin sagte im Nachgang, dass ich einige Tage später an der Leukämie, Organversagen oder einem harmlosen Infekt verstorben wäre, wenn ich nicht ins Krankenhaus gekommen wäre. Im Krankenhaus teilte mir eine junge Ärztin auf Nachfrage mit, dass ich zu 50 % überleben würde.
Nachts lag ich da, sah mich einerseits im Sarg liegen und habe meine Beerdigung geplant, andererseits träumte ich davon, wieder gesund daheim bei meinen Liebsten sein zu dürfen und habe insgeheim an meinem Wunsch festgehalten, noch ein Kind bekommen zu dürfen. Das mag in dem Moment absurd erscheinen, hat mir aber Kraft gegeben.
Während der monatelangen Chemotherapien im Isolationszimmer führte ich ein komplett anderes Leben als zuvor. Die Ärzte und Schwestern wurden meine Familie, ich war abhängig von jeder Visite, jeder Aussage, jeder Zuwendung und der Schulmedizin. Es gab Komplikationen, wie eine Notoperation, einen resistenten Keim, eine Sepsis, die auf der Intensivstation einen irreversiblen Hörverlust eines Ohres von 93,8 % verursachte, Nierenversagen, Leberversagen und führte zu 21 Litern Wasser im Körper. Ich war zeitweise ein Pflegefall, musste mich in Windeln erleichtern und konnte nicht mehr aufstehen.
Durch die Genmutation NPM-1 sitze ich nun mit einer statistischen Rückfallgefahr von 40–50 % wieder daheim und genieße das Leben und die Kinder, so gut ich kann. Ich fühle mich wie ›ausgespuckt‹ und zurück ins Leben geworfen. Jetzt versuche ich, mich und auch die Ansprüche an mein Leben wieder neu zu sortieren und einzuordnen. Das gelingt mal besser, mal schlechter.
Insgesamt bin ich stolz und auch verwundert über meine mentale Stärke, da ich eher ein sensibler Mensch bin und nah am Wasser gebaut bin. Jeden Abend liege ich im Bett und freue mich wie ein kleines Kind auf den nächsten Tag – ich möchte gar nicht einschlafen. Trotz der Chemotherapien durfte ich im Januar 2025 meine dritte gesunde Tochter bekommen.«
