Eva

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Evas Geschichte erzählt von Glück im Unglück, dem Glauben daran, dass eine Prognose nicht immer unausweichlich sein muss, und davon, wie Wille, Lebensfreude und Familienzusammenhalt, selbst in den schwierigsten Stunden durch ein Lachen, Licht ins Dunkel bringen können.

»Ende September 2022 ging es mir schlagartig schlecht, meine Leberwerte waren jenseits von Gut und Böse und ich bekam Gelbsucht. Beim Ultraschall wurde mir gesagt, dass meine Gallenblase zum Zerplatzen gefüllt sei, und ich wurde ins Krankenhaus überwiesen. Dort sollten die vermeintlichen Gallensteine operativ zertrümmert werden. Nach dem Aufwachen wurde mir allerdings gesagt, dass ein Gewächs meinen Gallengang umschließt und sich somit die Galle staut. Es wurde ein Stent gelegt und eine Biopsie gemacht. Die Biopsie ergab nichts Konkretes und somit wurde ich nach Hause geschickt. ›Zum Glück‹ verrutschte der Stent und ich bekam die schlimmste Gallenkolik, bei der ich dachte, ich müsse sterben. Dadurch musste ich wieder zum Arzt, der den Stent zwar erneuerte, aber auch den Verdacht auf ein Pankreaskopfkarzinom äußerte. Entgegen aller anderer Meinungen – drei Biopsien brachten kein Ergebnis – hat er mir zur dringenden Whipple-Operation* geraten und mir damit sicher das Leben gerettet.

Der genaue Befund lautete: Gut differenziertes (G1) distales cholangiozelluläres Pankreaskarzinom mit infiltriertem Parenchym** sowie Lymphknotenmetastasen mit teilweiser Ausbreitung in das umgebende Fettgewebe. Den Befund zu erfahren, löste schlagartig ein Gefühl der Angst aus, das man mit nichts vergleichen kann. Das war richtige Todesangst. Allerdings war ich immer schon ein sehr positiver Mensch, der Dinge angeht, ganz egal, wie die Erfolgsaussichten sind. Außerdem bin ich alleinerziehende Mama eines 11-jährigen Sohnes. Ich hatte also keine Wahl und wollte unbedingt kämpfen.

Ein sehr unsensibler junger Pfleger sagte damals zu mir: ›Oje, das ist ein Todesurteil. Das überleben nur circa zehn Prozent der Erkrankten.‹ Mein Gedanke aber war: ›Es ist erst Jänner, die Statistik für dieses Jahr ist ja noch völlig offen und ich gehöre jetzt einfach zu diesen zehn Prozent!‹ Dieser Gedanke hat mich immer angetrieben, so lächerlich es klingen mag. Meine Oma, der ich extrem ähnlich bin, ist vor 40 Jahren an der gleichen Diagnose verstorben. Ich habe mir vorgenommen dies, als einziges, nicht wie meine Oma zu machen. Die Medizin ist halt auch so viel weiter als damals.

Obwohl ich beim Aufwachen auf der Intensivstation, nach der OP, wegen der starken Schmerzen, zuerst dachte, dass ich das nicht schaffe, habe ich mir vorgenommen an jedem Tag etwas zum Lachen zu finden. Das habe ich während der ganzen Zeit, auch während der Chemo durchgehalten und es hat mich gestärkt.

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Nach fast vier Wochen Aufenthalt im Krankenhaus durfte ich mich drei Wochen zu Hause erholen, wieder essen lernen und dann begannen 12 Zyklen Chemo nach dem Folfirinox-Schema***. Es war physisch und psychisch ein absoluter Höllenritt. Ich wurde aber wunderbar begleitet von meinem Onkologen und tollen Schwestern auf der onkologischen Station. Gegen Ende der Chemo kam dann noch eine posttraumatische Belastungsstörung mit schlimmen Panikattacken dazu. Ich wollte wirklich manchmal aufgeben, aber mein Sohn war immer der Grund weiterzumachen. Er, meine Eltern und mein Bruder sowie meine beste Freundin, die fast gleichzeitig auch eine Krebsdiagnose bekam und auch wieder gesund ist, waren meine wichtigsten Begleiter. Ich habe mit meinem Sohn immer offen gesprochen, natürlich kein Katastrophenszenario, aber er war über alle Schritte der Behandlung so weit informiert, wie er sie auch verstehen konnte. Warum ich schwach war und es mir nicht gut ging. Er bekam gleichzeitig aber auch immer mit, dass ich medizinisch in guten Händen war und dass ich kämpfte wie eine Löwin. Einmal, als es mir besonders schlecht ging, hat er zu mir gesagt: ›Mama, wenn wir das überstanden haben, kann uns nichts mehr umhauen.‹ Meine Eltern waren immer da. Wir haben sogar ein ganzes Jahr bei ihnen gewohnt und ich durfte mich fallen lassen, traurig sein, schwach sein. Wir haben gemeinsam geweint, aber auch gelacht. Ich musste mich nicht verstellen – das war unglaublich stark von ihnen und stärkend für mich. Mein Bruder hat einmal zu mir gesagt: ›Du bist ein Biest und der Krebs hat keine Chance gegen dich.‹ Das wurde mein Mantra und ich habe das Biest mit der Krebsschleife mittlerweile auch als Tattoo auf meinem Handgelenk.

Geholfen hat meiner Familie und mir, dass wir viel Zeit miteinander verbracht haben. Es war für sie unglaublich wichtig zu sehen, dass ich nicht aufgebe, nicht mal an den schlimmsten Tagen und es war mir wichtig, dass ich von Anfang an sehr offen mit der Erkrankung umgehen konnte. Dadurch konnte und durften sie das auch, und sich Trost bei Freunden, Verwandten und Bekannten holen. Es war sehr stärkend für uns alle, dass wir als Familie, auch in einer Extremsituation, so gut funktionierten und dass wir nie das Lachen verlernt haben. Das war so wichtig!«

Eine Frau auf einem schwarz-weiß Foto lacht herzlich. Sie trägt Brille mit markanten schwarzen Rahmen und hat eine Kurzhaarfrisur.
Name
Eva
Website
Interviewt von
Erzählt am
24.9.2026
Verstorben am

*Die Whipple-Operation oder auch Duodenopankreatektomie ist der Eingriff zur Entfernung von Tumoren im Kopf der Bauchspeicheldrüse, bei der Teile des Verdauungstraktes entnommen und neu verbunden werden.

** Parenchym ist das funktionsgebende Gewebe eines Organs, welches aus spezialisierten Zellen besteht, die die eigentliche Hauptaufgabe des Organs ausführen.

*** Das FOLFIRINOX-Schema ist eine starke Kombinations-Chemotherapie zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom). Es verbindet vier Wirkstoffe in einem 14-Tage-Zyklus: Oxaliplatin, Leucovorin (Folinsäure), Irinotecan und 5-Fluorouracil (5-FU). Wegen starker Nebenwirkungen erhalten Patienten oft eine angepasste Form ohne den initialen Bolus von 5-FU (modifiziertes FOLFIRINOX oder mFOLFIRINOX).

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