
»Mein Name ist Erasmus Gerlach, ich bin 43 Jahre alt und erhielt am 01. Januar 2025 die Diagnose Akute Myeloische Leukämie (AML).
Bis dahin war ich mitten im Leben. Ich arbeitete am Theater, plante Projekte, verbrachte Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern und machte mir über viele Dinge Gedanken – aber sicherlich nicht darüber, ob ich schwer krank sein könnte.
Rückblickend begann alles an Weihnachten 2024. Ich hatte Kopf- und Gliederschmerzen und fühlte mich angeschlagen. Trotzdem wollte ich noch eine Theaterproduktion fertig betreuen, die bis zum 30. Dezember lief. An diesem Tag war ich beim Hausarzt und bekam, aufgrund einer vermuteten Mandelentzündung, Penicillin verschrieben. Gleichzeitig begann ein Ziehen in meinen Schienbeinen. Zuerst dachte ich an Muskelkater. Doch die Schmerzen wurden innerhalb weniger Tage so stark, dass ich kaum noch laufen konnte.
Am Neujahrstag sagte ich zu meiner Frau Kathrin: ›Diese Schmerzen kenne ich nicht. Bitte fahr mit mir ins Krankenhaus.‹
Im Krankenhaus Pfronten wurde mir Blut abgenommen. Kurze Zeit später kamen die Ärzte zurück und teilten mir mit, dass der Verdacht auf Blutkrebs besteht. Meine Leukozyten lagen bei über 120.000. Wenig später wurde ich mit Blaulicht in die Uniklinik Ulm verlegt.
Das Verrückte daran: Nur wenige Wochen zuvor hatte ich noch einen Gesundheits-Check mit völlig unauffälligem Blutbild gehabt.
Von diesem Moment an änderte sich mein Leben schlagartig.
Die folgenden Monate waren geprägt von mehreren Chemotherapien, langen Klinikaufenthalten und schließlich einer allogenen Stammzelltransplantation. Körperlich war das eine enorme Herausforderung. Die Übelkeit, die Schwäche, die Isolation und die ständige Unsicherheit gehörten irgendwann zum Alltag.
Mindestens genauso herausfordernd war aber die mentale Seite. Von einem Tag auf den anderen beschäftigt man sich mit Fragen, die man vorher nie gestellt hat. Werde ich meine Kinder aufwachsen sehen? Wie wird es meiner Familie gehen? Was passiert, wenn die Therapie nicht anschlägt? Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, wie viel Stärke Menschen entwickeln können, wenn sie müssen.
Eine meiner wichtigsten Strategien war Humor. Oft trocken, manchmal schwarz, manchmal vielleicht auch ein wenig makaber. Humor hat mir geholfen, nicht ausschließlich Patient zu sein. Außerdem waren meine Familie, meine Freunde und die Menschen um mich herum eine unglaubliche Kraftquelle. Eine Person möchte ich dabei besonders hervorheben: meine Frau Kathrin. Während meiner fast vier Monate in der Uniklinik Ulm ist sie jeden Vormittag von Oy-Mittelberg nach Ulm gefahren, um bei mir zu sein. Nachmittags fuhr sie wieder nach Hause, um für unsere Kinder da zu sein und ihnen so gut wie möglich einen normalen Alltag zu ermöglichen. Während ich mich auf meine Behandlung konzentrieren musste, hat sie gleichzeitig unsere Familie getragen. Sie hat Ängste aufgefangen, den Alltag organisiert und unseren Kindern Halt gegeben, als plötzlich nichts mehr selbstverständlich war. Heute weiß ich, welche unglaubliche Leistung das war.
Natürlich wussten unsere Kinder, dass ihr Papa schwer krank war. Aber durch Kathrins Stärke konnten sie weiterhin Kind sein. Sie konnten zur Schule gehen, Freunde treffen und erleben, dass trotz allem noch ein Stück Normalität vorhanden war. Ich glaube, genau das hat ihnen einen Teil der Angst vor meinem Schicksal genommen. Rückblickend war das für unsere Familie genauso wichtig wie jede medizinische Behandlung.
Ein ganz besonderer Wendepunkt war die große Typisierungsaktion für die DKMS, die Freunde und Familie organisiert haben. Am Ende ließen sich 1777 Menschen registrieren. Zu sehen, wie viele Menschen helfen wollten, war überwältigend. Mitten in einer Zeit voller Unsicherheit entstand plötzlich unglaublich viel Hoffnung. Noch größer war die Hoffnung, als die Nachricht kam, dass ein passender Stammzellspender gefunden wurde. Ein Mensch, den ich bis heute nicht kenne, war bereit, einem Fremden eine Chance auf Leben zu schenken. Für mich ist das bis heute einer der beeindruckendsten Gedanken überhaupt.
Die Stammzelltransplantation war ein weiterer großer Abschnitt meiner Reise. Sie bedeutete Hoffnung, aber auch neue Herausforderungen. Viele Menschen glauben, nach einer Transplantation sei alles überstanden. Tatsächlich beginnt danach oft ein ganz neuer Weg. Nach meiner Transplantation bekam ich einen BK-Virus (weit verbreitetes humanes Polyomavirus, dass die meisten Menschen in sich tragen), der meine Blase massiv belastete. Vier Wochen lang musste ich teilweise alle zwei Minuten zur Toilette. Ich habe Blut uriniert und konnte kaum zur Ruhe kommen. Schlaf war kaum möglich, weil der nächste Toilettengang schon wieder bevorstand. Gleichzeitig fror ich ständig. Während meine Familie zuhause teilweise im T-Shirt oder fast sommerlich gekleidet war, saß ich im Pullover vor dem Kamin und bekam die Kälte trotzdem nicht aus dem Körper. Mein Körper fühlte sich fremd an. Dazu kamen starke Übelkeit, ein Berg von Medikamenten und zeitweise rund 35 Tabletten am Tag. Jeder Tag war geprägt von Medikamentenplänen, Arztterminen und dem Versuch, irgendwie wieder Kraft zu sammeln.
Besonders schwer fiel mir der massive Muskelabbau. Innerhalb weniger Monate verlor ich unglaublich viel Muskulatur. Dinge, die früher selbstverständlich waren, wurden plötzlich anstrengend. Auch die ständige Müdigkeit und Schlappheit begleiteten mich über Wochen und Monate.
Diese Zeit hat mir gezeigt, dass eine Stammzelltransplantation kein Zielstrich ist, sondern eher der Beginn eines neuen Abschnitts. Der Körper muss sich erholen, das Immunsystem neu aufbauen und man lernt, mit vielen Veränderungen zu leben. Von außen sieht man oft nur, dass die Behandlung geschafft ist. Was viele nicht sehen, ist der lange Weg zurück ins Leben. Heute geht es mir gut. Ich bin dankbar, wieder Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern
verbringen zu können. Dinge, die früher selbstverständlich waren, haben heute einen ganz anderen Wert.
Ob ich irgendwann als ›krebsfrei‹ bezeichnen würde, was ich heute bin? Vielleicht. Aber ich habe gelernt, dass Heilung nicht nur bedeutet, gesund zu werden. Heilung bedeutet auch, Vertrauen zurückzugewinnen. In den eigenen Körper. In die Zukunft. Und ins Leben.
Deshalb spreche ich heute öffentlich über meine Geschichte. Nicht, weil ich Mitleid möchte. Sondern weil ich zeigen möchte, dass hinter jeder Diagnose ein Mensch steht. Ein Vater. Ein Ehemann. Ein Freund. Ein Kollege. Außerdem möchte ich auf die Bedeutung von Stammzellspende aufmerksam machen und anderen Betroffenen Mut machen. Deshalb teile meine Geschichte auf Social Media und plane, gemeinsam mit der DKMS, ab kommenden Frühjahr, ein Aufklärungsprojekt an Schulen.
Wenn ich aus dieser Zeit etwas mitgenommen habe, dann dies:
Das Leben ist nicht selbstverständlich.
Zeit mit den Menschen, die man liebt, ist nicht selbstverständlich.
Und Hoffnung ist oft viel stärker, als wir glauben.
Man hätte mir am 01. Januar 2025 nicht erzählen können, dass ich heute hier sitze und diese Zeilen schreibe. Aber genau deshalb möchte ich jedem Menschen, der gerade mitten in seiner eigenen Krebsgeschichte steckt, sagen: Auch wenn der Weg manchmal unendlich lang erscheint – gib die Hoffnung nicht auf. Schritt für Schritt ist immer noch vorwärts.«
