
»Brustkrebs und Transidentität – als trans Mann hatte ich mich lange mit meinem Körper auseinandergesetzt. Ich wusste welche Veränderungen ich mir wünschte und welche Kämpfe noch vor mir lagen.
Anfang 2026 hatte ich eine schwere Zeit hinter mir. Doch es gab Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich hatte einen Platz in einer Gruppentherapie für trans Personen bekommen und freute mich auf den Start.
Endlich ich selbst sein dürfen. Nach von meinen Eltern angeleierten Konversionsmaßnahmen und einem späteren verunglückten Transitionsstart, bei dem ich – naiv, wie ich damals war – in eine Klinikabteilung marschiert war, die bis heute dafür bekannt ist, allen eine Transition ausreden zu wollen. Jetzt würde ich mich von niemandem mehr hindern lassen. Es war höchste Zeit für mich.
Dass ausgerechnet Brustkrebs meine Pläne über den Haufen werfen würde, darauf war ich nicht vorbereitet.
Statt mit der Therapie beginnen zu können, fand ich mich in einer Praxis für Mammadiagnostik wieder. Es dauerte nicht lange und ich erhielt die Diagnose Mammakarzinom, linke Brust, gestreut in mindestens einen Lymphknoten. Klinisches Stadium II. Hormonrezeptor-positiv.
Krebs. Scheiße.
Aber war es nicht auch eine Chance?
Für viele Frauen mit Brustkrebs steht die Frage im Raum, wie operiert werden soll. Ob vielleicht brusterhaltend operiert werden kann.
Ich stellte mir die Frage, ob mir die Diagnose – so schlimm sie war – bei meiner Transition helfen könnte. Für mich ging es darum, endlich den Brustkorb zu bekommen, der zu mir passt.
Deshalb entschied ich mich bewusst für eine Klinik, die Erfahrung mit transmännlichen Mastektomien hat. Nicht für das zertifizierte Brustzentrum mit der umfassendsten onkologischen Versorgung, sondern für die Klinik, die beides zusammenbringen konnte: Krebsoperation und eine männliche Brustkontur.
Es fühlte sich nach der richtigen Entscheidung an und ich bin bis heute glücklich über das Operationsergebnis.
Doch inzwischen weiß ich, dass jede Entscheidung auch einen Preis haben kann: Die Klinik bietet keine onkologische Nachsorge an.
Nach der Operation musste und muss ich mir vieles selber organisieren. Ein Team aus Hausarzt, Onkologe, Frauenärztin und weiteren Fachleuten, die in einem Gebiet von über 160 km Länge verteilt sind.
Die Mastektomie war nicht das Schwerste. Im Gegenteil. Sie machte mich glücklich. Das Schwerste war die Erkenntnis, dass sie nicht das Ende der Behandlung bedeutete.
Ich hatte gehofft, den Krebs mit der Operation hinter mir lassen zu können. Stattdessen begann ein neuer Abschnitt mit Therapien, die meinen Körper erneut verändern würden. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, den Tumor loszuwerden. Es geht darum, einen Rückfall zu verhindern.
Die Pathologie ergab das lokal fortgeschrittene Stadium IIIA. Drei Lymphknoten waren befallen, teilweise mit Einbruch in das umliegende Gewebe. Die Resektionsränder und Gefäße waren tumorfrei, der Oncotype DX niedrig. Trotzdem bleibt mein Rückfallrisiko erhöht.
Ich frage mich oft, ob der Krebs früher entdeckt worden wäre, wenn ich nicht seit meiner Pubertät eine erhebliche Geschlechtsdysphorie gehabt hätte.
Lange war ich nicht in der Lage, mich mit meiner Brust auseinanderzusetzen. Erst als die Symptome nicht mehr zu ignorieren waren, bin ich zur Diagnostik gegangen.
Darüber wird kaum gesprochen. Geschlechtsdysphorie kann dazu führen, dass Menschen Warnzeichen verdrängen oder notwendige Untersuchungen möglichst lange vermeiden.
Heute erhalte ich eine starke Antihormontherapie. Ein CDK4/6-Inhibitor soll noch dazukommen.
Leichte Hitzewallungen und gelegentliche Steifigkeit mit Schmerzen gehören inzwischen zu meinem Alltag. Ich habe in einem geeigneten Fitness-Studio mit Kraft- und Ausdauertraining begonnen und hoffe, damit die Nebenwirkungen der Antihormontherapie in den Griff zu bekommen.
Gleichzeitig werden weitere Funde abgeklärt, insbesondere solche, die bei der Knochenszintigrafie entdeckt wurden. U.a. wurde auf diesem Wege eine Herzerkrankung im Frühstadium gefunden. Ein Zusammenhang mit meiner Krebstherapie dürfte nicht bestehen, da diese noch neu ist.
Seit der Diagnose hat sich mein Blick auf meinen Körper verändert. Jede neue Beschwerde oder Auffälligkeit wirft die gleiche Frage auf: Hat das mit dem Krebs zu tun?
Mit meinem Behandlungsteam habe ich Glück. Mein Hausarzt, meine Frauenärztin und mein Onkologe nehmen meine Transidentität ernst. Mein Onkologe berücksichtigt sie bei Therapieentscheidungen. Das ist keine Selbstverständlichkeit – und ich bin ihm dafür dankbar.
Leider machen nicht alle trans Menschen solche Erfahrungen. Ich habe von einem trans Mann gehört, dem bei einem gynäkologischen Tumor zunächst die notwendige Diagnostik verweigert wurde. Dabei sollten medizinische Entscheidungen sich an den vorhandenen Organen orientieren – nicht am Geschlechtseintrag.
Was fehlt, ist Sichtbarkeit.
Wer nach Brustkrebs sucht, findet fast ausschließlich Informationen für cisgeschlechtliche Frauen. Natürlich stellen sie die größte Gruppe der Betroffenen. Aber auch trans Männer und nicht-binäre Menschen können Brustkrebs bekommen.
Wir haben Fragen, die sich von den Fragen anderer Patient*innen unterscheiden können.
Welche Klinik kennt sich mit Krebsbehandlung und Transgesundheit gleichermaßen aus? Welche Auswirkungen hat die Erkrankung auf eine Transition? Kann eine Hormonersatztherapie fortgeführt oder begonnen werden? Sind weitere geschlechtsangleichende Operationen akzeptabel, oder erschweren sie meinen Kampf gegen den Krebs? Wo finde ich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen?
In Kanada gibt es mit Queering Cancer eine Organisation, die queere Menschen mit Krebs sichtbar macht und vernetzt. In Deutschland kenne ich nichts Vergleichbares.
Ich erzähle meine Geschichte nicht, weil ich Influencer werden möchte. Ich erzähle sie, weil sie bisher kaum erzählt wird und weil wir darüber reden müssen. Damit auch bei uns trans und nicht-binären Personen Krebserkrankungen frühzeitig erkannt werden und unsere Überlebenschancen steigen.
In Gedenken an Illustrator*in Mike Hooves aus Kanada (geb. 1992), eine nicht-binäre Person, die kürzlich viel zu früh an metastasiertem Brustkrebs gestorben ist (Rückfall nach Stadium III ER+ - Brustkrebs).«
