
»Ich bin 31, als Krebs plötzlich Teil meines Lebens wird. Es ist März 2023. Brustkrebs, triple-negativ, Stadium 2b und zusätzlich erfahre ich, dass ich die BRCA1-Mutation trage, obwohl es keine Familiengeschichte gibt. Ich bin jung, mitten im Leben, mit Träumen und dem Wunsch nach einer Zukunft, die plötzlich unsicher wird.
Was folgt, ist eine Zeit, die ich mir nie hätte vorstellen können: 6 Monate Chemotherapie, ein Jahr Immuntherapie, unzählige Operation und darunter die schwerwiegendste: die Mastektomie. Mein Körper verändert sich, mein Alltag auch. Ich lerne, wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren, über den eigenen Körper, über Zeit, über Sicherheit.
Am Ende der ersten großen Therapie steht eine Komplettremission. Ein Wort, das Hoffnung macht. Ein Moment zum Durchatmen, denn ein besseres Ergebnis kann man nicht erreichen. Ich habe wirklich dran geglaubt, dass ich es hinter mir habe. Ich habe langsam wieder ins Leben gefunden, habe meinen Partner kennengelernt, dem meine Glatze, meine unzähligen Narben und die fehlende Brust egal war. Wir wollten eine gemeinsame Zukunft, heiraten, Kinder und waren uns sicher miteinander. Ich war ja jetzt gesund, also konnte ich endlich wieder leben.
2 Jahre später, im September 2025 dann der Schock. Metastasen. Stadium 4. Wieder reißt es den Boden weg. Wieder diese Fragen: Warum ich? Wie geht es jetzt weiter? Geht es überhaupt weiter? Werde ich sterben? Wofür habe ich all das gemacht? War alles umsonst? Womit habe ich all das nur verdient?
Diese Diagnose hat meinem Partner und mir unsere Träume genommen, denn wir wollten unbedingt Kinder. Einfach eine kleine Familie sein. Dafür hatte ich mir sogar Eierstockgewebe einfrieren lassen damals. Jetzt betrauere ich das Leben, was ich nie führen werde, die Kinder, die ich nie haben werde. Alles, was für andere normal ist, wird mir verwehrt bleiben. Es ist schwer positiv zu bleiben und die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn alles in Scherben liegt und man nicht weiß, wann man seinen letzten Atemzug macht. Das Leben ist verdammt unfair, mit 33 sollte ich nicht jeden Tag Todesangst haben müssen. Ich versuche trotzdem mich an die guten Dinge zu klammern. An meinen Partner, der felsenfest an meiner Seite ist und meine Hand hält, mich durch die schweren Tage trägt. An meine Mama, die ihre Arbeit aufgegeben hat, nur um bei mir zu sein. An Freunde, die mich supporten und ablenken, wo sie nur können. Alleine ist diese Reise nicht machbar.
Ich lerne, dass Krebs nicht nur den Körper betrifft, sondern auch die Seele. Vor allem die Seele. Dass Trauer, Wut, Angst und Hoffnung oft gleichzeitig existieren. Dass man stark sein kann und sich trotzdem zerbrechlich fühlt. Und dass Stärke manchmal einfach bedeutet, morgens aufzustehen. Alles Schritt für Schritt.
Heute lebe ich mit einer unheilbaren Erkrankung. Aber ich lebe.
Ich bin jeden Tag dankbar aufwachen zu dürfen und ich hoffe ich kann das auch noch eine Weile. Ich bin mehr als meine Diagnose. Mehr als meine Befunde, mehr als meine Therapien. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen, mit Liebe, mit Beziehungen, mit Sehnsucht nach Normalität und mit dem tiefen Wunsch, das Leben bewusst zu leben.
Wenn du das hier liest und selbst betroffen bist, dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Deine Angst ist berechtigt. Deine Erschöpfung auch. Und trotzdem gibt es Raum für Hoffnung, für Nähe, für kleine gute Momente. Es gibt sie, die guten Tage. Versuch das Beste aus ihnen zu machen.«
