
»Eigentlich sollte nur eine Zyste entfernt werden. Doch am Abend nach dem Eingriff kam der Oberarzt mit einer Kollegin in mein Zimmer, setzte sich an mein Bett und sagte die Worte, die mein Leben für immer verändern sollten: ›Sie haben ein Ovarialkarzinom.‹
Damals wusste ich nicht einmal, dass es sich dabei um Krebs handelt. Ich dachte: ›Das kriegen wir schon hin, alles halb so wild.‹ Doch als der Arzt es mir weiter erklärte, war ich wie erstarrt. Noch heute fällt es mir schwer, zu begreifen, was damals wirklich geschah. Es folgten zahlreiche Aufklärungsgespräche und medizinische Untersuchungen, mir wurde ein Port gelegt und ich wurde auf die Chemotherapie und ihre Nebenwirkungen vorbereitet.
Dann kam die große Operation: Man entfernte mir die Gebärmutter, die Eierstöcke und das Bauchfell. Damit wurde mir auch die Chance genommen, eigene Kinder zu bekommen. Die Klinik hätte mir – obwohl es nicht den Leitlinien entsprach – die Möglichkeit zur Fruchtbarkeitserhaltung gegeben, da ich erst 27 Jahre alt und kinderlos war. Ich entschied mich jedoch dagegen, da dies eine Hormontherapie und eine künstliche Befruchtung bedeutet hätte – beides aber mit geringen Erfolgschancen und hohem Risiko.
Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich bereits im dritten Stadium. Der Krebs hatte gestreut – einmal am Darm und einmal an der Magenwand. Trotz allem: Ich bereue meine Entscheidung bis heute nicht.
Kurz nach der OP begann die Chemotherapie, sechs Zyklen insgesamt. Leider vertrug ich sie überhaupt nicht. Nach jeder Sitzung musste ich ins Krankenhaus, litt unter extremen Bauchschmerzen und musste teilweise ruhig gestellt werden. Während der Chemo erkrankte ich zweimal an Corona, und meine Blutwerte wurden zunehmend schlechter. Nach der dritten Behandlung ging es mir so schlecht, dass wir den Rettungsdienst rufen mussten. Ich hatte mich heftig übergeben und hatte unerträgliche Schmerzen. Die Ursache: eine seltene Nebenwirkung eines der Medikamente – es kam zu einem Darmdurchbruch.
Ich wurde sofort notoperiert und verbrachte rund zwei Wochen auf der Intensivstation. Das war mit Abstand die schlimmste Zeit. Ich war allein, die Ärzt:innen und Pfleger:innen kamen nur in Schutzkleidung zu mir, mit Masken, Hüten, Schutzanzügen. Täglich durfte mich nur eine Person für eine Stunde besuchen. Ich habe mich noch nie so einsam und ausgeliefert gefühlt.
Die letzten drei Chemozyklen verliefen besser, weil das Medikament umgestellt wurde. Trotzdem war mein Körper am Limit. Die Kombination aus schwerer Operation und Chemo bestimmte alles in meinem Leben und dem meiner Familie. Meine Haare begannen erst nach mehreren Monaten wieder zu wachsen, und ich brauchte lange, bis ich wieder so etwas wie Normalität spüren konnte.
Alles schien überstanden, doch 2024 kam der nächste Schock: ein Rezidiv. Wieder machte ich mir große Sorgen. Zum Glück stellte sich heraus, dass diesmal nur eine Operation nötig war.
Im Mai 2025 hatte ich starke Schmerzen in der rechten Seite und bekam schlecht Luft. Mein Hausarzt war im Urlaub, also ging ich zu meiner Frauenärztin. Sie kannte meine Vorgeschichte gut und wusste, dass wir nichts übersehen durften. Im Ultraschall entdeckte sie zwei auffällige Strukturen im linken Beckenbereich. Ich bekam sofort eine Überweisung ins Krankenhaus. Dort bestätigte das CT am nächsten Tag den Verdacht: mehrere Raumforderungen im Becken – und zusätzlich multiple Lebermetastasen. Wieder ging alles sehr schnell. Eine weitere Chemotherapie war leider notwendig. Die Wochen bestanden wieder mal aus vielen Arztterminen und weiteren Untersuchungen. Die Lebermetastasen befinden sich im Gewebe, sodass eine Operation nicht möglich oder zu riskant wäre. Außerdem würde sie die Chemotherapie um mehrere Monate verzögern. Das Risiko, dass sich in der Zwischenzeit neue Metastasen bilden oder die bestehenden wachsen, wäre zu groß.
Am 12. Juni 2025 bekam ich meine erste Chemotherapie, dann alle drei Wochen eine. Mir wurde gesagt, dass ich mit einem erneuten Haarverlust rechnen muss. Es machte mir nicht mehr so viel Angst wie damals. Zudem wurde festgestellt, dass es sich bei meinem Krebs um einen Granulosazelltumor (einen Tumor aus Keimdrüsen) handelt – eine sehr seltene Form. Nur etwa 100 Menschen erkranken jährlich in Deutschland daran. Es gibt kaum Studien, kaum gesicherte Erkenntnisse.
Am 22. August 2025 haben wir uns – wie schon lange vor der neuen Diagnose geplant – das Ja-Wort gegeben. Wir sind unglaublich froh, diesen Schritt gegangen zu sein. An diesem Tag konnten wir so viele schöne, neue Momente erleben und die Zeit mit unseren Liebsten in vollen Zügen genießen. Diese Erinnerungen gaben mir die Kraft für die weiteren drei Zyklen, die noch vor mir lagen.
In der Klinik wurde mir erklärt, dass man das Medikament (Carboplatin) trotz allergischer Reaktionen noch einmal ausprobieren möchte. Dieses Mal sollte es über einen Zeitraum von 12 Stunden verabreicht werden, während eine Ärztin die ganze Zeit an meiner Seite ist – für den Fall, dass wieder Komplikationen auftreten. Sollte es erneut zu einer Reaktion kommen, müsste auf ein noch stärkeres Medikament gewechselt werden.
Am 28. August 2025 brachte ich meine dritte Chemotherapie hinter mich, leider wieder mit allergischer Reaktion. Die Therapie wurde dann abgebrochen und der Fortgang in der Tumorkonferenz wurde beraten. In den letzten drei Zyklen bekam ich dann kein Carboplatin mehr und wir hofften, dass sich die Metastasen dennoch weiterhin verkleinern. Ab diesem Punkt gab es jedoch keinen klaren Leitfaden oder erprobte Fallbeispiele mehr, da meine Krebsart sehr selten ist und gerade bei jungen Menschen kaum erforscht wurde.
Bis zum 3. November 2025 habe ich alle drei Zyklen ohne Carboplatin besser vertragen. Seit der Umstellung musste ich nicht mehr stationär ins Krankenhaus und konnte mein Leben etwas mehr genießen. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und mache Kraft und Ausdauersport.
Mein Kontroll-CT zeigte leider, dass die Metastasen weiterhin vorhanden sind, aber diese erfreulicherweise rückläufig sind. Dennoch muss ich drei weitere Chemotherapien Zyklen machen. Bisher habe ich meine 8 Chemotherapien hinter mich gebracht und am 26.01. muss ich zur finalen 9. Chemotherapie. Danach wird ein weiteres CT zeigen, ob die Metastasen sich weiterhin zurückbilden. Einen Termin für dieses CT habe ich noch nicht.
Mein Körper ist durch die ganzen Strapazen der letzten Monate und Jahre extrem kaputt. Aber ich gebe nicht auf. Ich denke weiter positiv und bleibe stark. Für mich. Für meine Familie. Für meine Freunde.«
