Samira

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Samira kämpft sich durch ihre Brustkrebsbehandlung und danach wieder ins Leben zurück. Was ihr dabei hilft, davon erzählt sie uns heute.

»Als alles begann, war ich 30 Jahre alt und endlich mal wieder sehr zufrieden mit mir und meinem Leben. Bis dieses Ereignis meine Welt auf den Kopf stellt.

Im Juli 2023 erhielt ich meine Diagnose. Es war Brustkrebs. In den darauf folgenden Wochen bestimmten die Behandlungsvorbereitungen mein Leben. Es galt, den Tumor zu bekämpfen.

Am 3. August 2023 bekam ich meine erste Chemotherapie. Die war genauso heftig, wie effektiv. Wir haben den Tumor damit klein bekommen. Im Februar 2024 musste dann nur noch brusterhaltend operiert werden. Direkt im Anschluss musste ich durch eine sehr anstrengende Zeit der Bestrahlung. Körperlich und seelisch war ich nach dieser ganzen Behandlung zwar vom Krebs befreit, aber an jeglicher Belastungsgrenze. Direkt danach ging ich in meine erste Reha.

Während der gesamten Zeit habe ich versucht, positiv zu denken. Ich wollte verstehen, was mit mir passiert. Ich war interessiert an jeder Behandlung, habe den Ärzten Löcher in den Bauch gefragt. Ich wollte alles bewusst mitbekommen, nichts verdrängen. Gleichzeitig habe ich versucht, so viel wie möglich am normalen Leben teilzunehmen – obwohl nichts daran normal war. Ich wollte meine positive Art behalten, so wie mich alle Menschen in meinem Umfeld kennen und schätzen. Doch genau das war oft mein schwerster Kampf. Stark zu sein kostet Kraft. Und manchmal war diese Kraft kaum noch da.

Auch schwierige zwischenmenschliche Erfahrungen mit meinem Umfeld habe ich versucht, als Lehre zu sehen. Nicht jede Reaktion hat mir gutgetan, nicht jede Nähe war tragend. Manchmal habe ich mehr Energie darauf verwendet, mein Umfeld zu beruhigen, etwas zu erklären oder schon fast zu therapieren, als auf mich selbst zu achten. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, wie sehr ich mich dabei selbst zurückgestellt habe.

Heute bin ich seit eineinhalb Jahren ohne Medikamente und ohne Befund. Dafür bin ich dankbar – jeden Tag. Und doch ist da etwas, das bleibt: die leise, manchmal aber auch laute Angst, dass der Krebs zurückkommen könnte. Das alles wieder von vorn beginnt. Ich versuche, wieder am Leben teilzunehmen. Nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt.

Das Tanzen, mein Hobby, hilft mir, meinen Körper wieder zu spüren und Vertrauen aufzubauen. Der langsame Wiedereinstieg in die Arbeit fordert mich, aber er gibt mir auch Struktur und das Gefühl, wieder dazuzugehören. Die Nähe zu meinen Freunden und der Familie trägt mich durch viele dunkle, anstrengende Tage.

Trotz allem ist jede anstehende Untersuchung eine große Belastung. Mit jeder Kontrolle wächst die Angst, dass doch wieder etwas gefunden werden könnte. Diese Unsicherheit begleitet mich, auch an guten Tagen.

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Meine Reha-Orte habe ich mir bewusst am Meer ausgesucht. Ich glaube daran, dass mich das Meer heilt. Die Weite, der Wind, das Rauschen der Wellen geben mir Ruhe und Kraft, wenn in mir alles laut ist. Es ist toll, so einen Ort zu haben. Ich wünsche jedem einen solchen Ort.

Meine zweite Reha auf Sylt im letzten Jahr hat noch einmal viel in mir bewegt. In einer Gruppe junger KrebspatientInnen habe ich Menschen kennengelernt, die Ähnliches erlebt haben. Menschen, die meine Lebenswelt verstehen, ohne viele Erklärungen. Es entstand eine tiefe Verbundenheit, getragen von gemeinsamen Erfahrungen, Ängsten und gegenseitiger Unterstützung. Wir haben nun uns, und dafür bin ich sehr dankbar.

Während dieser Zeit habe ich Sylt als meinen Energieort entdeckt. Ein Ort, an dem ich durchatmen kann. An dem ich mich getragen fühle und neue Kraft schöpfe, wenn mein Mut zu leise wird. Sylt stand nie auf meiner Budget-Liste. Jetzt verbinde ich mit diesem Ort so viele Dinge und kann mich dorthin retten, wenn es wieder viel zu viel wird.

Diese Reha hat mir auch den entscheidenden Anstoß gegeben, fest in Therapie zu gehen. Ich möchte mir Hilfe holen, um wieder vollständig im Leben anzukommen, das Erlebte als Trauma zu verarbeiten und meiner Angst nicht länger die Führung über mein Leben zu überlassen.

Ich erlebe meine Tage heute sehr unterschiedlich. Ich nenne sie meine grauen und bunten Tage. An grauen Tagen ist alles schwerer: die Gedanken lauter, die Angst präsenter, der Körper müde. An bunten Tagen spüre ich Lebensfreude, Leichtigkeit und Hoffnung. Beides gehört zu mir – und beides darf da sein.

Ich lerne gerade, auf vielen Wegen mit meiner Situation umzugehen. Ich probiere Neues aus, auch spirituelle Ansätze. Nicht alles passt sofort, aber jeder Versuch bringt mich ein Stück näher zu mir selbst. Ich gebe nicht auf. Ich möchte wieder voll am Leben teilnehmen, mit allem, was meine Geschichte ausmacht. Und lernen, mit ihr zu leben, ohne dass sie mein Leben bestimmt.«

Samira läuft mit einem strahlenden Lächeln auf die Kamera zu.
Name
Samira
Website
Interviewt von
Erzählt am
30.1.2026
Verstorben am

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