
»Mein Mann Freddy (42) und ich (40) kennen uns seit der Jugend und sind seit 2010 ein Paar. Es ging damals alles ganz schnell: Heirat, erstes Kind, zweites Kind und bald danach das dritte Kind. Allesamt gewünschte, geliebte und wundervolle Kinder. Als junge Familie stehen wir mitten im Leben.
Im Dezember 2023 feierten wir noch unbeschwert Freddys 40. Geburtstag und gleichzeitig unsere halbe Silberhochzeit ganz groß. Ein halbes Jahr später fuhren wir in Sommerferien in den Urlaub und freuten uns über eine schöne gemeinsame Familienzeit. Wenn ich da schon gewusst hätte, dass dies der letzte unbeschwerte Urlaub sein würde, dann wären wir nie wieder nach Hause gefahren.
Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, wurde Freddys bereits bekannter Leistenbruch wieder akut. Der sollte am 24. Juli 2024 minimalinvasiv operiert werden. Zur Mittagszeit kam der Chirurg persönlich ins Zimmer und sagte zu uns: ›Wir haben Ihren Leistenbruch nicht operiert, da wir einen beunruhigenden Nebenbefund gemacht haben. Ihr kompletter Bauchraum ist voller kleiner Punkte, vermutlich Tumore!‹
Die Diagnose nach CT: Ein seltener Blinddarm-Tumor, so groß wie ein Hühnerei! Der hatte schon in den kompletten Bauchraum gestreut und neben dem Bauchfell (die Haut auf der Innenseite der Bauchhöhle) auch bereits zahlreiche Organe befallen (Peritonealkarzinose). Das war eine wirklich düstere Diagnose, die uns komplett den Boden unter den Füßen wegzog. Auch in den kommenden Tagen konnten wir diese Tragweite kaum realisieren. Freddys allererster Gedanke galt den Kindern. Und auch für mich begann in diesem Moment die Gedankenspirale. ›Es wäre nicht fair, wenn Sie ohne Papa aufwachsen müssten. Und wie geht’s mit mir weiter, wie soll ich das alles schaffen?‹ Allein der Gedanke, meinen Partner, meine Liebe und meinen besten Freund zu verlieren, war unerträglich. Es flossen viele Tränen und die Gedanken kreisten bei uns allen unendlich. Dank der Onkologen und Chirurgen stand aber bald ein Behandlungsplan. Aufgeben war hier keine Option, erst recht nicht für Freddy!
Im ersten Eingriff wurden der Blinddarm-Tumor sowie 30 cm jeweils vom angrenzenden Dünn- und Dickdarm (Hemikolektomie) entfernt und die Proben ins Labor geschickt. Dort kam heraus, dass es eine low-grade muzinöse Neoplasie (LAMN), also ein schleimbildender Tumor des Blinddarms, ist. Das war erstmal eine erste positive Nachricht, da diese für die recht neuartige HIPEC-Behandlung*, einer Chemotherapiespülung bei Bauchfellkrebs, geeignet ist. Die Aussichten waren laut Internetsuche aber dennoch nicht besonders. Und trotzdem, jeder Fall ist einzigartig. Das wurde Freddys Mantra. Er war zu allem bereit, Hauptsache ›es bleibt noch etwas Lebenswertes von ihm übrig‹.
Die HIPEC-Behandlung wurde von einem Professor in der Klinik Dortmund durchgeführt, in einem auf Bauchfellkrebs spezialisierten Zentrum. Dieser Arzt hat uns so menschlich und zugleich fachlich versiert in Empfang genommen, uns Zuversicht geschenkt und uns durch die Zeit begleitet. Und das tut er bis heute. Ein riesiges Dankeschön an dieser Stelle! Freddy mochte die Tatsache, dass kurzfristig am Freitag, dem 13. September 2024, noch ein OP-Saal unbelegt war. Scheinbar wollte sonst niemand an dem Tag operiert werden. Den Tag haben wir zu unserem neuen Glückstag gewählt. Denn nun ging es ums Ganze!
Die HIPEC-Operation startete für Freddy um 7 Uhr morgens. In einer langwierigen Operation wurde der gesamte Bauchraum zunächst geöffnet und chirurgisch von allen sichtbaren Tumorherden befreit, dabei wurden unzählige kleine Schnitte gesetzt und alle Organe ›im laufenden Betrieb‹ entnommen und nach dem Vier-Augen-Prinzip behandelt. Im OP-Bericht steht: ›Bauchfell größtenteils abgezogen, Magenentfernung mit Roux-Y-Rekonstruktion aus Dünndarmbestandteilen, Gallenblase entfernt, weitere Teile des Dick- und Dünndarms entfernt, Teile des Zwerchfells entfernt und Thoraxdrainage angelegt, zahlreiche Lymphknoten entfernt, Blase, Harnleiter, Leber und Nieren vom flächigen Befall befreit.‹ Zuletzt erfolgte die Anlage eines künstlichen Darmausganges (Ileostoma), um dem Dickdarm die Chance zur Heilung zu geben.
Der Doc sagte: ›Die Radikalität dieses Eingriffs entscheidet darüber, wie (un-)wahrscheinlich ein späterer Rückfall wird.‹
Nach dem chirurgischen Teil wurde die Bauchdecke geschlossen und mehrere Zu- und Ablauf-Schläuche in den Bauchraum eingeschoben, wodurch über 1,5 Stunden eine hochdosierte und hochtemperierte Chemo-Flüssigkeit durch die Bauchhöhle und um alle Organe gespült wurde, um auch alle verbliebenen kleinsten Herde und freischwimmende Tumorzellen zu erwischen.
Um 19 Uhr am gleichen Abend verlegt man ihn dann auf die Intensivstation, wo er mehrere Tage blieb. Das war die härteste Zeit für ihn. Die weiteren Tage im Krankenhaus waren geprägt von so vielen Beschwerden, sehr starken Schmerzmitteln, Erbrechen, Blutarmut, Nährstoffmangel, undichten Stoma-Beuteln und schlaflosen Nächten.
Nach zwei Wochen wollte Freddy nach Hause, bekam bald Pflegegrad 3 und 100 % Schwerbehinderung zugesprochen. Ich habe mich dreigeteilt, um für Freddy da zu sein, den Alltag mit den Kindern zu managen und Haushalt und Co. zu schmeißen. In dieser Zeit habe ich mich von Anfang an auf das Positive fokussiert und meinen Emotionen bewusst ihren Raum gegeben. An meiner Seite war immer mein sogenannter kleiner Werkzeugkoffer der Selbstfürsorge – ich habe mir gezielt Zeit genommen für die Dinge, die wichtig sind. Meditation, Spaziergänge und ausreichend Schlaf helfen mir in dieser Zeit im ›Hier und Jetzt‹ zu leben, mich nicht von den Ängsten beeinflussen zu lassen und Freddy zu unterstützen. Insgesamt hat sich meine Perspektive verändert, mit der ich durchs Leben gehe: Ich erfreue mich lieber an kleinen Momenten, statt mich zu ärgern.
Drei Monate dauerte der sehr schwache Zustand mit hohen Entzündungswerten und zäher Genesung, dazu permanenter Gewichtsverlust wegen des fehlenden Magens und des Stomas. Er konnte kaum Nährstoffe und Flüssigkeit aufnehmen, sodass es irgendwann nicht mehr ohne künstliche Ernährung ging. Dazu ständige Blutabnahmen, immer wieder neue Zugänge, bis alle Venen kaputt sind. Irgendwann gewöhne man sich an Schmerzen, meinte Freddy. Nach drei Monaten konnte der künstliche Darmausgang zum Glück zurückverlegt werden, da wog er noch 50 kg bei einer Größe von 1,77 m.
Er kämpfte dann lange Zeit mit starken Durchfällen, Flüssigkeitsdefizit, gestörter Nährstoffaufnahme und brauchte Eiseninfusionen. Aber irgendwann besserte sich sein Zustand langsam. Im Januar hat er dann wieder behutsam mit Krafttraining angefangen. Im Februar ließ er sich nicht davon abhalten, anstelle einer Reha einen Monat lang eine Wiedereingliederung in seinem Beruf als Sachverständiger für Aufzüge zu wagen. Den Pflegegrad hat er dann wieder abgegeben, um ab März wieder voll einzusteigen. Das sei seine Reha, meinte er! Es scheint ihm damit sehr gut zu gehen. Was die Verdauung angeht, dauerte es – wie vom Arzt angekündigt – typischerweise bis zu einem Jahr, bis sie sich wieder halbwegs einspielt.
Seine Einschränkungen beinhalten an einigen Tagen begrenzte Ausdauer und Kraft, häufiges und langsames Essen und Tage mit wilder Verdauung. Trotzdem lassen wir uns unseren Lebensmut nicht nehmen, weil wir alles in Zeitlupe genießen. Er geht arbeiten, weil es ihm Spaß macht und weil er sich seinen Job selbst organisieren und einteilen kann, wie es gerade geht. Körperlich hat er sich wieder 10 Kilogramm antrainiert, der Sport tut ihm sehr gut. Und laut Arzt hat ihn die damalige gute körperliche Verfassung durch die Monate mitgetragen. Nun heißt es, weiter aktiv zu bleiben, um damit einen Teil der Vorsorge zu treffen.
Auf unseren Instagram-Kanälen gehen wir sehr transparent damit um, weil wir allen Followern sagen wollen: Eine Erkrankung ist kein Tabu, sprecht offen darüber! Geht zur Vorsorge, kümmert euch rechtzeitig um Lebensversicherungen, Patientenverfügungen und Vollmachten.
Nehmt eure Liebsten in den Arm, sagt und zeigt euch, was ihr aneinander habt.
Was wir gelernt haben: Das Bewusstsein fürs Leben verändert sich nach so einer Episode, die Zeit vergeht nun herrlich langsam. Niemand weiß, wie lange er oder sie noch hat, also füllt die Zeit bewusst mit Liebe und Leben, und wenn ihr mal faulenzt, dann macht auch das so richtig!
Manchmal verliert man körperlich eine Menge, gewinnt aber mental sehr viel dazu. Heute sind unsere Kinder 8, 12 und 14 Jahre alt und wir finden, dass wir eine richtig coole Familie mit Hund sind. Wir stehen wieder mitten im Leben und sind darüber überglücklich! Wir hoffen, dass wir noch viel Zeit zusammen haben. Denn der Körper ist ein Wunder. Er kann mehr, als man denkt, und er leistet jeden Tag so viel. Darauf können wir alle stolz sein.«

»Der Begriff HIPEC steht für Hypertherme IntraPEritoneal Chemotherapie. Die Chemotherapiespülung erfolgt mit einer Medikamentenlösung, die bei einer Temperatur von ca. 42° mit einer speziellen Pumpe gleichmäßig im Bauchraum verteilt wird. Durch die hohe Temperatur kann die Chemotherapie besser in kleine Resttumoren eindringen, die der operativen Tumorentfernung entgangen sein könnten.« Quelle: www.chirurgie.uk-essen.de/peritonealkarzinose (zuletzt aufgerufen am 30.01.2025)