
»Mein Name ist Gesa, ich bin 28 Jahre alt und lebe zurzeit in Berlin. Meine erste Diagnose bekam ich im Jahr 2022. Bis ich sie endlich erhielt, hat es leider ein paar Monate gedauert. Ich stand mitten im Leben, war viel unterwegs und hatte immer etwas zu tun. Eines Abends in einer Bar bemerkte mein Freund einen Knoten an meinem Hals. Ich machte noch einen Witz und sagte: ›Wow, stell dir vor, das ist Krebs!‹
Doch einige Wochen später fiel mir auf, dass ich ständig krank war. Ich musste mich immer häufiger bei der Arbeit krankmelden, war extrem müde und hatte zunehmend nächtliche Schweißausbrüche. Nach einer Weile ging ich schließlich zu meiner Hausärztin – das war im Juni 2022. Sobald ich ihr den Knoten am Hals zeigte, schickte sie mich direkt in die Notaufnahme. Ich fand das zunächst übertrieben, wusste aber auch nicht, was ich sonst tun sollte. Nach einem CT und einem MRT wurde eine Biopsie veranlasst. Vier Tage später hieß es, es sei nichts Auffälliges zu finden. Die Ärzt:innen vermuteten, es könnte eine Toxoplasmose (eine Infektionserkrankung) sein, da ich kurz zuvor eine neue Katze adoptiert hatte. Trotzdem und deshalb wollten sie eine zweite Biopsie durchführen.
Ende August bekam ich dann doch nach der zweiten Biopsie die Diagnose, Hodgkin-Lymphom. Leider erfuhr ich sie auf eine sehr unglückliche Weise: Irgendwo zwischen zwei Terminen, im Flur, sagte eine junge Krankenschwester – sicher ohne böse Absicht – laut: ›Frau Mumme, für die Krebsdiagnose schicke ich Sie zu Frau X.‹ Das hatten dann auch alle um mich herum gehört.
Ich ging dann in diesen Raum, den man mir zuwies, und wartete auf die Ärztin, die mir die Diagnose schließlich offiziell erklärte. Ich war allein und überfordert. Denn ich hätte niemals gedacht, dass es wirklich Krebs sein würde.
Danach ging alles sehr schnell. Ich sprach sofort mit meiner Tante und meiner Cousine, die beide Ärztinnen sind, und sie rieten mir, eine Kryokonservierung (Einfrierung) meiner Eizellen zu organisieren. Das tat ich direkt – obwohl zu diesem Zeitpunkt auch noch eine Geschäftsreise geplant war. Ich nahm die Spritzen einfach mit und stimulierte jeden Tag im Hotel. Niemand wusste davon.
Nach meiner Rückkehr erhielt ich das erste PET-CT: Stadium IIIA. Wenige Tage später bekam ich den Port und startete meine erste Chemotherapie, das war im September 2022. Insgesamt waren es vier Zyklen. Nach der ersten Chemo im Krankenhaus entschied ich, ambulant weiterzumachen, und suchte mir einen Onkologen – das war die beste Entscheidung. Tagsüber Chemo, abends im eigenen Bett.
Ich erhielt viel Unterstützung von den Menschen, mit denen ich meine Diagnose teilte. Auch wenn meine ganze Familie in Frankreich lebt, kam meine kleine Schwester nach Berlin und wohnte bei mir, um mich im Alltag zu unterstützen. Im Dezember 2022 war ich dann mit der Therapie durch. Ende 2023 ließ ich den Port entfernen – für mich der symbolische Abschluss dieses Kapitels.
Doch leider bemerkte ich Mitte 2024 wieder einen Knoten am Hals. Er wurde zwar nicht größer, aber ich war beunruhigt. Mein Onkologe fand keine Auffälligkeiten in den Blutwerten, also beschlossen wir, im November 2024 doch ein PET-CT zu machen – einfach, um sicherzugehen. Ein paar Tage später bekam ich erneut die Diagnose: Krebs.
Nach einem langen Gespräch riet mir mein Onkologe, an einer Studie teilzunehmen – außerhalb von Berlin. Ich nahm Kontakt zur Uniklinik Jena auf. Da Weihnachten bevorstand, organisierte ich noch eine kurze Reise nach Frankreich, um meine Familie zu sehen, bevor die neue Therapie starten würde.
Die Therapie sollte aus einer Kombination von Immuntherapie und Chemotherapie bestehen. Ich musste dafür regelmäßig zwischen Berlin und Jena pendeln. Das war extrem anstrengend, da ich kein Auto hatte und niemanden, der mich fahren konnte. Also setzte ich mich – mit Maske und müde von der Chemo – immer wieder in den Zug. Meine Familie organisierte, dass ich nie ganz allein war: Mal kam mein Freund, mal meine Schwester oder meine Eltern. Die Krankenkasse wollte die Fahrtkosten leider nicht übernehmen, das Krankenhaus ebenfalls nicht – also blieb mir nur die Deutsche Bahn. Das war fast das Anstrengendste an der ganzen Zeit: selbst für meinen Transport verantwortlich zu sein. Und das, obwohl es nach jeder Chemo gefährlich war, im Zug zu sitzen.
Nach der ersten Chemo stellten die Ärzt:innen fest, dass meine Leberwerte explodiert waren. Sie beschlossen, vorsorglich Stammzellen zu sammeln, falls eine Transplantation nötig werden würde, und behielten mich weitere 15 Tage im Krankenhaus, weil die Sammlung bei mir einfach nicht gelingen wollte. Nach 15 Tagen und der endlich erfolgreichen Entnahme, kam die Oberärztin zu mir und erklärte, dass die Studie leider nicht mehr für mich geeignet sei, da meine Leber die Immuntherapie nicht vertrug. Sie organisierten noch eine letzte (zweite) Chemo und empfahlen mir, anschließend mit der Standardtherapie fortzufahren.
Ich rief sofort meinen Onkologen in Berlin und meine Tante an. Beide rieten mir, nach Berlin zurückzukehren und mit der Standardtherapie zu beginnen. Das tat ich. Ich setzte mich mit der Charité in Verbindung und wurde dort für eine intensive Standardtherapie bei Rezidiv mit anschließender Stammzelltransplantation aufgenommen.
In der Zwischenzeit bekam ich die Rückmeldung meines zweiten PET-CTs: Der Krebs ging zurück, aber es wurde eine Lungenembolie entdeckt. Ich hatte keine Symptome, musste aber sofort mit Blutverdünnungsmitteln beginnen. Denn ich bin Hochrisikopatientin für Thrombosen und Embolien, das liegt leider in der Familie. Deshalb konnte ich mich kaum darüber freuen, dass der Krebs fast verschwunden war, weil ich wusste, dass auch Embolien lebensgefährlich sind.
Dann begann die Stammzelltransplantation. Einen Monat lang musste ich im Krankenhaus bleiben. Ich wurde so schwach, dass ich mich selbst nicht mehr ernähren konnte und künstlich ernährt werden musste. Ich bekam Morphin, weil ich so starke Schmerzen hatte. Ich war wochenlang im Krankenhaus und durfte kaum Besuch empfangen, da mein Immunsystem extrem geschwächt war. Ende April ging es mir endlich besser, und ich durfte nach Hause.
Seit Ende 2025, stehe ich endlich wieder mit beiden Füßen im Leben. Ich mache fast täglich Sport, reise wieder, arbeite, lebe mein Leben – und bin unglaublich stolz auf mich. Ich hoffe von Herzen, dass ich das nie wieder erleben muss.«
