Lisa

,

35

Lisa sieht sich plötzlich der Herausforderung ausgesetzt, gleichzeitig um ihr eigenes Leben kämpfen zu müssen und weiterhin als Mama zu funktionieren. In eindrücklichen Worten erzählt sie ihre Geschichte über Krankheit und Heilung.

»Brustkrebs – ein Wort, das mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Ich war noch nicht einmal richtig in der Tür meiner Frauenarztpraxis, da traf sie mich: die Diagnose. Am frühen Morgen des 14.03.2023. Draußen schneite es leise, und als ich aus dem Auto stieg, hatte ich dieses merkwürdige Gefühl, dass gleich etwas auf mich zukommen würde, das alles verändern könnte. Der Himmel wirkte grau und schwer, als würde er mit mir weinen.
Ich war 32 Jahre alt und mein Sohn gerade einmal 7 Jahre, als es plötzlich nicht nur um mich ging, sondern auch um die Frage, wie man als Mutter so etwas überhaupt trägt.
Nach der Diagnose triple negativer Brustkrebs folgte eine intensive Therapie. Zunächst hatte ich unzählige CTs und MRTs, bei denen ein Verdacht auf Brustbeinmetastasen bestand, der sich dann aber nicht bestätigt hat. Ich erhielt zunächst eine Chemotherapie mit 12 Paclitaxel/Carboplatin- und anschließend vier EC‑Zyklen. Danach folgten die brusterhaltende Operation, die Bestrahlung sowie eine Immuntherapie, die ich 27 Mal erhielt. Die Behandlung verlief jedoch nicht ohne Komplikationen. Während der Therapie entwickelte ich eine Portthrombose und musste mir über drei Monate hinweg zweimal täglich blutverdünnende Spritzen selbst verabreichen. Außerdem musste ich während der Chemotherapie aufgrund von hohem Fieber für fünf Tage stationär im Krankenhaus behandelt werden. In dieser Zeit hatte ich Angst, Angst, dass ich nicht am Krebs sterben würde, sondern mein Körper irgendwann schlappmacht. Diese zusätzlichen Herausforderungen haben mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie belastend eine Krebstherapie sein kann, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Trotz allem gab es für mich nie die Option aufzugeben. Natürlich gab es Tage, an denen ich erschöpft war, geweint oder mich gefragt habe, wie ich das alles schaffen soll. An manchen Tagen bestand mein größter Erfolg einfach darin, aufzustehen und den nächsten Schritt zu gehen. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie sehr sich das Leben auf das Wesentliche reduzieren kann. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, bekamen plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Ein ruhiger Morgen, ein Gespräch ohne Zeitdruck, ein Lachen – all das wurde kostbar.

No items found.

Und gleichzeitig war da diese ständige Unsicherheit, die mich immer wieder zurückgeworfen hat. Ich habe nicht immer stark reagiert, und ich musste es auch nicht. Es gab Momente, in denen ich einfach nur durchhalten konnte, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Doch genau in diesen kleinen Schritten lag irgendwann auch meine Kraft. Nicht in großen Sprüngen, sondern in dem leisen Weitergehen, auch wenn es schwer war. Rückblickend waren genau diese kleinen Schritte die größten. Die gesamte Zeit war geprägt von Krankenhausbesuchen, Untersuchungen und dem Versuch, trotz allem den Alltag mit meinem damals siebenjährigen Sohn so gut wie möglich aufrechtzuerhalten.
Heilung ist für mich kein gerader Weg gewesen. Es gab Rückschritte, Zweifel und viele stille Momente. Und doch hat sich langsam etwas in mir verändert. Aus der Angst ist nach und nach etwas Neues gewachsen: Vertrauen ins Leben und der Wunsch, meine Erfahrung nicht für mich zu behalten. Ich habe gelernt, dass das Leben zerbrechen und trotzdem weitergehen kann. Und dass selbst in den schwersten Zeiten etwas bleibt, das trägt. Bei mir war es die Liebe, die Liebe zu meinem Sohn, zum Leben und irgendwann auch wieder zu mir selbst.
Heute, drei ein halb Jahre nach meiner Diagnose, bin ich unendlich dankbar, dass ich sagen kann: Ich bin krebsfrei. Gleichzeitig hat die Erkrankung Spuren hinterlassen. Manche Folgen der Therapien begleiten mich bis heute, körperlich, aber auch emotional. Ich habe gelernt, dass Heilung nicht automatisch bedeutet, wieder die zu sein, die man vor der Diagnose war. Vielmehr ist es ein Prozess, sich in einem veränderten Leben neu zurechtzufinden. Was mich rückblickend am meisten überrascht hat: Die schwerste Zeit begann für mich nicht mit der Diagnose und endete auch nicht mit der letzten Therapie. Sie begann nach dem Ende der Akutbehandlung. Als die Termine weniger wurden und alle glaubten, jetzt sei alles überstanden, fühlte ich mich plötzlich allein mit meinen Gedanken, Ängsten und den Folgen der Erkrankung. Ich musste lernen, dass auch diese Phase Teil der Heilung ist und es Zeit braucht, Körper und Seele wieder zusammenzuführen. Der Krebs spielt deshalb auch heute noch eine Rolle in meinem Leben, allerdings auf eine andere Weise als früher. Er erinnert mich daran, wie kostbar Zeit und Gesundheit sind. Ich lebe bewusster, höre mehr auf meinen Körper und genieße die kleinen Momente mit meiner Familie viel intensiver. Aus dieser Erfahrung ist auch der Wunsch entstanden, anderen Betroffenen Mut zu machen. Wenn meine Geschichte auch nur einem Menschen Hoffnung schenkt oder das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein, dann hat sie ihren Sinn erfüllt.«

Lisa trägt eine Sonnebrille und ein schulterfreier Oberteil, welches ihr Tattoo zeigt.
Name
Lisa
Website
Interviewt von
Erzählt am
27.10.2026
Verstorben am

Schau mal, diese Geschichten könnten dir auch gefallen.

Krebspatient:in
Brustkrebs
Maike
,
39
Krebspatient:in
Brustkrebs
Kerstin
,
60
Krebspatient:in
Brustkrebs
Lisa
,
35
Krebspatient:in
Knochenkrebs
Florentin
,
30
Krebspatient:in
Speiseröhrenkrebs
Adenokarzinom
Svenja
,
35
Krebspatient:in
Brustkrebs
Dominika
,
34
Krebspatient:in
Brustkrebs
Anonym
,
54
Krebspatient:in
Bauchspeicheldrüsenkrebs
Eva
,
49
Krebspatient:in
Liposarkom
Saskia
,
38
Krebspatient:in
Hirntumor
Mariella
,
33
Krebspatient:in
Leukämie
Akute myeloische Leukämie
Erasmus
,
43
Krebspatient:in
Burkitt-Lymphom
Non-Hodgkin-Lymphom
Nick
,
34
Angehörige:r
Hirntumor
Ricarda
,
39
Krebspatient:in
Non-Hodgkin-Lymphom
Diletta
,
35
Krebspatient:in
Blasenkrebs
Fabian
,
41
Krebspatient:in
Brustkrebs
Marie
,
34
Illustration eines rosa Sparschweinchens

Hilf uns beim Helfen! Mit deiner Spende.

Damit wir auch zukünftig weiter Geschichten von Patient:innen und Angehörigen erzählen können, sind wir auch deine Spende angewiesen.

Hilf uns beim Helfen! Mit deiner Spende.

Logo PayPal.
Mit PayPal spenden
Logo Betterplace.
Mit Betterplace spenden

Per Überweisung

IBAN DE11 8306 5408 0004 2983 06
BIC GENODEF1SLR
Bank Deutsche Skatbank
IBAN kopieren