
»Ich bin Lena, 19 Jahre alt, und meine Geschichte begann, als ich 15 war. Damals konnte ich plötzlich nicht mehr richtig laufen. Ich hatte starke Bauchschmerzen, eine ziemlich komische Übelkeit und überhaupt keinen Appetit mehr. Zuerst dachte ich, ich hätte vielleicht eine Blinddarmentzündung. Dass sich in meinem Bauch ein riesiger Tumor befand, hätte ich niemals gedacht.
Nach ungefähr sieben Stunden voller Untersuchungen wurde schließlich herausgefunden, dass ich ein Teratom* hatte. Es war etwa 23 Zentimeter groß und wog vier Kilogramm. Es hatte meinen gesamten Bauchraum ausgefüllt. Ich weiß noch, wie komisch sich dieser Moment angefühlt hat. Plötzlich haben alle von einem Tumor gesprochen, aber ich konnte das irgendwie gar nicht richtig begreifen. Ich war 15 Jahre alt und plötzlich war da etwas in meinem Körper, das dort nicht hingehörte.
Das Teratom saß an einem Eierstock und wurde operativ entfernt. Zum Glück hatte es nicht gestreut und ich brauchte keine Chemotherapie. Trotzdem war danach nicht einfach alles wieder gut. Ich hatte noch ungefähr ein Jahr lang immer wieder starke Bauchkrämpfe und musste teilweise jede Woche ins Krankenhaus. Später wurde auch am anderen Eierstock ein weiterer kleinerer Tumor gefunden.
Mittlerweile habe ich keine Eierstöcke mehr. Das ist für mich bis heute nicht leicht. Vor allem, weil ich mir immer eigene Kinder gewünscht habe. Zu wissen, dass das für mich auf natürlichem Weg nicht mehr möglich sein wird, ist etwas, das ich bis heute nicht vollständig begreifen kann.
Vor zwei Jahren bekam ich außerdem aufgrund von Verwachsungen in meinem Bauch, die durch die beiden Operationen entstanden waren, einen Darmverschluss und musste notoperiert werden. Auch damals war es ziemlich knapp, und ich wäre fast ums Leben gekommen.
Von all dem ist eine große Narbe auf meinem Bauch geblieben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich mit anderen Mädchen in meinem Alter und ihren Bäuchen vergleiche. Meistens bin ich aber stolz, wenn ich in den Spiegel schaue. Denn diese Narbe erinnert mich daran, was ich alles geschafft habe. Für mich ist sie irgendwie wie eine Tapferkeitsauszeichnung. Sie zeigt mir, wie stark ich bin.
Was ich durch all das gelernt habe, ist vor allem, dass man sein Leben leben sollte, und auch die kleinen Momente wertschätzen sollte. Man weiß nie, wie schnell sich alles verändern kann. Deshalb versuche ich, nicht alles zu ernst zu nehmen, mehr im Moment zu leben und auch anderen Menschen positive Energie mitzugeben. Ich möchte jedem Menschen, dem ich begegne, ein Lächeln schenken – denn manchmal weiß man nie, wie sehr jemand genau das gerade braucht.
In den Momenten, in denen es mir richtig, richtig schlecht ging, habe ich oft an eine Zeile aus einem Lied gedacht: ›This is not the time to die‹. Für mich war dieser Satz irgendwann mehr als nur ein Liedtext. Er hat mich daran erinnert, dass ich noch sehr viel zu erleben habe und einfach dankbar dafür bin, zu leben.
Und wenn ich sage, dass ich dafür dankbar bin, dann denke ich nicht nur daran, dass ich heute noch hier bin. Ich denke auch an all die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben und ohne die ich diese Zeit wahrscheinlich ganz anders erlebt hätte. Vor allem bin ich unendlich dankbar für meine Eltern. Sie waren bei jedem Krankenhausaufenthalt, jeder Untersuchung und in jedem schweren Moment an meiner Seite. Auch die Familie Müller ist für mich ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Egal, ob in guten oder in schlechten Zeiten – ich weiß, dass ich immer auf sie zählen kann. Gerade in einer Zeit, in der vieles plötzlich unsicher war, hat mir dieses Gefühl unglaublich viel bedeutet. Ich bin einfach sehr froh, sie an meiner Seite zu haben, und dankbar für alles, was diese Familie für meine Eltern und mich getan hat.
Durch meine Erkrankung durfte ich außerdem so viele wundervolle Menschen kennenlernen, die ich heute gar nicht mehr aus meinem Leben wegdenken möchte. Einige habe ich während meiner Erkrankung kennengelernt, andere bei Reha-Aufenthalten oder durch die Nachsorge-Aktionen. Ich bin so froh, diese Menschen zu haben. Wir können uns über unsere Erfahrungen austauschen, über Dinge sprechen, die vielleicht nicht jeder versteht, oder einfach gemeinsam lachen, etwas unternehmen und schöne Momente erleben. Meistens reden wir dabei sogar gar nicht über die Krankheit. Wir wissen einfach, dass uns etwas verbindet, das nur wenige Menschen wirklich nachvollziehen können. Vielleicht ist genau das der Grund, warum unsere Freundschaft so eng geworden ist. Ich finde es wunderschön, dass aus einer so schweren Zeit so viele Menschen in mein Leben gekommen sind, die mir heute sehr viel bedeuten.«

*Als Teratome bezeichnet man, in der Regel, angeborene Tumoren, die sich aus Keimzellen entwickeln. Teratome können sowohl gutartig als auch bösartig sein. Sie gehören zu den häufigsten Keimzelltumoren bei Kindern, wobei lediglich 3% bösartig sind. Meistens treten sie an den Eierstöcken oder Hoden auf.