Katharina

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Die Diagnose Krebs ist nicht immer leicht. Auf ein Mal fühlt man sich schwach und erschöpft. Die Schwäche übernimmt plötzlich die Hauptrolle im Leben. Über den Umgang mit dieser Schwäche erzählt uns Katharina in ihrer Geschichte.

»Seit 42 Jahren bin ich gesegnet mit einer unbändigen Lebendigkeit. Energie, Begeisterung und Lebensfreude sind mein Treibstoff. Mein ausgefüllter Alltag und mein Antrieb spielen die Hauptrolle in meinem Leben. Als Mama zweier lebhaften Knaben und als engagierte Teamleiterin bin ich in der Blüte meines Lebens. Doch auf einmal schleicht sich eine Müdigkeit in meinen Körper, die mir fremd und unsympathisch ist. Wie ein ungebetener Gast nistet sie sich ein. Sie weicht mir nicht mehr von der Seite und ich kann sie nicht verstehen. Auch mein Hausarzt wird aus ihr nicht schlau. Nach einem halben Jahr, Ende 2018, bin ich nicht sonderlich erstaunt, als die Biopsie eines Knotens in der rechten Brust einen bösartigen Tumor bestätigt. Endlich erhält diese Erschöpfung einen Namen: Brustkrebs tripelnegativ.

Auf eine sonderbare Weise bin ich kurz erleichtert über den Befund. Im nächsten Moment kann ich vom Schrecken gezeichnet nichts mehr aufnehmen, was mir erzählt wird. Dieser Opferzustand gefällt mir nicht und ich suche die Sinnhaftigkeit dieser Diagnose. Mein Leben zeigt mir den Mahnfinger! Also fasse ich den Entschluss: wenn ich schon diesen beschwerlichen Weg durch die Krebsbehandlung gehen muss, so möchte ich doch wenigstens etwas dazulernen. Ich will die schwache Seite in mir kennenlernen. Wie soll ich das anstellen? Bewusst lasse ich meine Schwächen auf die Bühne meines Lebens und verstecke sie nicht länger hinter dem Vorhang guter Laune. Das ist nicht ganz einfach. Ich verfalle schnell in alte Muster und bin die positive, tatkräftige Frau, die ich mein Leben lang war. Allerdings nimmt die Erschöpfung mit der ersten Chemotherapie den ganzen Raum ein und zwingt mich in die Knie. Sie legt sich wie eine bleierne Decke auf die Lebenskeime und begräbt darunter all das, was ich bisher war. Die neue Rolle als Patientin bekommt mir nicht gut. Es ist, als werde ich in eine völlig neue Form hinein gedrückt und quelle über, wo Druck entsteht. Und Druck gibt es genug. Zwischendurch flammt mein inneres Feuer auf und erscheint in der Gestalt von Wut, die sich hitzig etwas Aufmerksamkeit sucht. Alles ist neu und beängstigend. Ich bin überfordert. Die Krebsbehandlung wird zur tiefen Auseinandersetzung mit mir selbst. Was auftaucht, schaue ich mutig an: Ängste, alte Glaubenssätze und verborgene Trauer. Und es fällt mir schwer, diese neuen Gefühle auszuhalten. Doch genau das tue ich. Auch der Alltag fordert mich. Ich möchte unseren Kindern Sicherheit geben und möglichst viel erfüllte Zeit mit ihnen erleben. Und ich schütze sie und meinen Mann vor meinen tiefsten Sorgen. Mein Leben wird zum Spagat. Ich lebe mit aller Mühe meine Mutterrolle aus und gleichzeitig versuche ich meinem geschundenen Körper gerecht zu werden. In dieser Zeit sind wir von unserem Umfeld getragen und ich werde begleitet von meiner krebsüberlebenden Freundin. Sie hält mit mir Zweifel aus, wann immer mir die Kontrolle über mein Leben entgleitet und sie kennt die quälenden Gefühle, wenn ich nach Menschlichkeit im medizinischen Alltag lechze. In unserem regen Chataustausch hört sie mir zu und gibt mir mit ihrem Verständnis Halt, Zuversicht und Vertrauen. Ich bin unbeschreiblich dankbar dafür. Diese Erfahrung vom bedingungslosen angenommen und begleitet sein gebe ich nun Stück für Stück als Peer bei der Krebsliga Schweiz, auf meinem Instagram Account und in meinem Buchprojekt weiter. Ich wünsche jeder krebsbetroffenen Person eine solche Freundin oder einen Freund an der Seite!

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Nach acht Monaten Chemotherapie, Operation und Radiotherapie sind keine Krebszellen mehr aufzufinden. Ich habe es geschafft! Erleichtert nehme ich die zweite Chance auf ein gesundes Leben entgegen. Doch die Behandlungen haben meine Energiereserven aufgebraucht. Mein Körper gleicht einer verwelkten Blume, nichts von meinem Lebenssaft ist mehr vorhanden. Allein mein Lebenswille fließt noch durch meine Adern. Fuß fassen im alten neuen Leben wird zur Herkulesaufgabe. Die Schwäche hat sich nun auf der Bühne meines Lebens permanent eingerichtet und sie lässt sich nicht mehr vertreiben. Sie ist aufsässig, unwillkommen und drängt meine Energie in eine Nebenrolle. Beharrlich verhindert sie, dass ich in alte Fahrwasser gerate und fordert mich auf, neue Wege zu gehen. Ihre Leidensgeschichte mit einem Hang zur Übertreibung erinnert mich täglich an meinen beschwerlichen Weg durch die Krebsbehandlung. Manchmal möchte ich sie zum Teufel jagen und lebendig und unbeschwert sein wie zuvor. Gleichwohl weiß ich, dass sie ein Teil von mir ist, die nun einfach nicht mehr zurück in die Dunkelheit gedrängt werden will. Auch wenn es mir nicht gefällt, versuche ich, mein Leben neu zu gestalten.

Wenn es mir gelingt, einen Schritt zurückzutreten und das Bild meines Lebens aus der Distanz zu betrachten, dann erkenne ich, dass ich meiner Vollkommenheit durch den Krebs etwas näher gekommen bin.«

Eine Frau mit mittellangen, braunen Haaren steht am Wasser. Sie steht im Licht der tiefstehenden Sonne.
Name
Katharina
Instagram
@liebefortuna
Website
Interviewt von
Erzählt am
8.4.2024
Verstorben am

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