
»Ich bin 2021 an Leukämie erkrankt – mitten in der Corona Zeit und kurz nach dem zweiten deutschlandweiten Lockdown. Eine akute lymphatische Leukämie ist innerhalb weniger Monate tödlich und muss sofort behandelt werden. So war ich von jetzt auf gleich in der Klinik mit der Aussicht dort stationär eine monatelange Hochdosis-Chemo und Bestrahlung mitzumachen.
Mein Mann und ich waren im Mai 2021 das erste Mal Eltern geworden und die Diagnose stellte unser ganzes Leben auf den Kopf. Ich fühlte mich, als hätte mich eine ›magische Hand‹ aus meinem Leben gerissen und in einem vollkommen abstrusen Paralleluniversum wieder abgesetzt. Der Klinik-Alltag war vollkommen neu und ungewohnt für mich. Ich versuchte mich an das Leben auf Station, mit immer neuen ›Fremden‹ im Zimmer zu gewöhnen, während mein Mann zu Hause die Stellung hielt.
Die erste Woche meines Aufenthaltes konnte er mich noch besuchen. Dann wurden aufgrund von COVID auf einmal ›alle Schotten dicht gemacht‹ – die Klinik ging in den Lockdown. Das hieß von jetzt auf gleich keine Besuche mehr, keine Entlastung durch die Anwesenheit eines vertrauten Menschen. Angehörige konnten nur noch in einem Zeitfenster am Nachmittag Taschen vorbeibringen und mitnehmen, sodass man mit dem Nötigsten versorgt war.
Von Anfang an, tat ich mich mit dem Essen in der Klinik schwer. Frühstück und Mittagessen waren ok, aber ich mag schon seit Kindheitstagen kein klassisches Abendbrot. Als dann noch die Chemo ihre Wirkung zeigte, konnte ich erst recht abends nichts mehr von dem bereitgestellten Essen zu mir nehmen.
Mittlerweile war meine Mama bei uns zu Hause eingezogen und wuppte mit meinem Mann gemeinsam den Alltag mit unserer kleinen Tochter. Zudem kam mein Mann jeden einzelnen Tag zur Klinik, um etwas für mich abzugeben, meine Wäsche mitzunehmen und, wenn auch aus der Ferne, kurz in meiner Nähe zu sein.
Das Besondere dabei: er brachte mir jeden Tag frisch gekochtes Essen in einer Tupperdose mit das ich mir abends auf Station in der Microwelle warm machte. So schmeckte ich jeden Tag ein Stückchen zu Hause. Meine Mama kochte Gerichte aus meiner Kindheit, die ich schon lange nicht mehr gegessen hatte. Alles, was sie gemeinsam mittags zu Hause aßen, konnte ich abends ›mitessen‹.
Bei uns ging die Liebe also wortwörtlich durch den Magen. Auch an den schlechtesten Tagen in der Klinik, freute ich mich zumindest etwas Warmes und Leckeres von zu Hause essen zu können. Das konnte die insgesamt über zwei Monate ohne Besuch zwar nicht aufwiegen, aber es half mir täglich einen kleinen Teil ›zu Hause‹ bei mir zu haben.
Bis heute bin ich unglaublich dankbar, dass mein Mann jeden Tag da war und das nicht nur während der Anfangszeit, sondern auch bei allen weiteren stationären Aufenthalten, von denen noch einige in der Zeit des Besuchverbots stattgefunden haben.«



