
Die rosa Schleife ist eines der bekanntesten Solidaritätssymbole der Welt. Sie entstand in den frühen 1990er Jahren in den USA, wurde schnell zum Erkennungszeichen des Brustkrebsbewusstseins – und ebenso schnell zum Marketinginstrument. 2002 hat die amerikanische Organisation Breast Cancer Action mit ihrer Kampagne »Think Before You Pink« erstmals laut gefragt, was hinter dem ganzen Rosa eigentlich steckt. Die Antwort war, na ja, unbequem: Oft weniger, als die bunten Verpackungen vermuten lassen.
Pinkwashing, abgeleitet vom Begriff »Greenwashing«, den viele aus dem Umweltbereich kennen, beschreibt genau dieses Phänomen: Unternehmen, die sich mit Brustkrebs-Symbolik schmücken, um ein positives Image zu erzeugen, ohne wirklich substanziell zu helfen. Solidarität als Verkaufsstrategie, sozusagen. Mittlerweile ist genau das in vielen Bereichen zu beobachten. Während des Pride-Months zum Beispiel strahlen ganze Städte in Regenbogenfarben, ohne dass es hier für die restlichen Monate des Jahres gute Strategien gegen Homosexuellen- und Transfeindlichkeiten gibt. Aber ja, sieht halt gut aus, wenn schon Awareness-Month ist.
Jetzt könnte man sagen: Na gut, wenn wenigstens ein bisschen Geld bei der Forschung ankommt, ist das doch besser als nichts. Das klingt vernünftig, ist es aber nur auf den ersten Blick. Denn das eigentliche Problem ist die Intransparenz. Wie viel vom Kaufpreis fließt also tatsächlich in Forschung oder Beratung? Und wohin genau? Wer entscheidet das? Auf viele Produkte mit pinker Schleife bekommt man hier keine klare Antwort. Manchmal sind es wenige Cent pro verkauftem Artikel, manchmal gibt es eine Deckelung, ab der gar nichts mehr gespendet wird. Das steht dann meist im Kleingedruckten, das niemand wirklich liest, wenn man mal ehrlich ist.
Hinzu kommt ein handfester Widerspruch, der sich (pink-)gewaschen hat: Es gab und gibt Kosmetikprodukte, die mit Brustkrebs-Solidarität beworben wurden, während sie gleichzeitig Inhaltsstoffe enthielten, die im Verdacht stehen, hormonell wirksam zu sein oder das Krebsrisiko zu erhöhen. Ein Lippenstift mit rosa Schleife und problematischen Weichmachern – das ist nicht nur unlogisch, das ist absurd und gefährlich.
Besonders auffällig: Das Engagement vieler Unternehmen beginnt am 1. Oktober und endet am 31. Oktober. Pünktlich wie ein Schalter. Danach ist Brustkrebs wieder kein Thema mehr. Weder in der Kommunikation, noch in Spendenaktionen. Da sind keine Hinweise mehr auf Beratungsstellen und keine weitere Aufklärung. Als wäre die Krankheit offiziell am 01.11. nicht mehr da. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was Betroffene brauchen. Krebs braucht nämlich Unterstützung, die nicht saisonal gebunden ist.
Menschen, die eine Diagnose erhalten, haben keine Pause an 11 Monaten im Jahr. Ihre Behandlung dauert jeden Monat an, oft über Jahre. Ihre Fragen, Ängste und ihr Bedarf an Information verschwinden nicht, wenn der Kalender auf November wechselt. Wenn Unternehmen das ernst nähmen, würde es sich ganzjährig zeigen – nicht nur, wenn es die Herbstkampagne schmückt.
Aber natürlich gibt es sie auch, die Unternehmen und Organisationen, die es ernst meinen. Und der Unterschied ist eigentlich gar nicht so schwer zu erkennen, wenn man ein paar Fragen stellt:
Die rosa Schleife ist kein schlechtes Symbol. Sie hat Millionen Menschen dazu gebracht, über Brustkrebs zu sprechen, Vorsorge ernst zu nehmen, und Betroffene sichtbar zu machen. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit.
Aber ein Symbol kann auch immer missbraucht werden. Und wenn es das wird, dann schadet es nicht nur dem Vertrauen der Verbraucher – es schadet vor allem den Menschen, in deren Namen es eingesetzt wird. Wer mit einer Brustkrebsdiagnose konfrontiert ist oder jemanden begleitet, der das ist, hat keinen Platz für leere Gesten. Der braucht echte Unterstützung, verlässliche Informationen und das Wissen, dass Solidarität mehr bedeutet als eine pinke Sonderedition.
Also: Das nächste Mal, wenn im Oktober der Einkaufswagen rosa leuchtet: kurz innehalten, die Schachtel umdrehen und im Kleingedruckten nachlesen. Nicht weil man misstrauisch sein muss. Sondern weil die rosa Schleife das wert ist.



