Der Druck, funktionieren zu müssen

Eine Drau liegt erschöpft in ihrem Sessel.
Krebs verändert das Leben radikal. Der Alltag und das normale Leben nehmen davon aber leider erstaunlich wenig Notiz. Warum der Druck, trotzdem zu funktionieren, so viel Kraft kostet – und was helfen kann, ihn loszulassen.

Der Wecker klingelt auch jeden Morgen nach einer Krebsdiagnose so ganz banal weiter, als wäre nichts geschehen. Während viele im Verlaufder Akuttherapie krankgeschrieben sind, haben andere vielleicht aus finanziellen Gründen diese Möglichkeit nicht. Vielleicht, weil sie als Selbstständige ohne Lohnfortzahlung Existenzprobleme bekommen, oder weil die Arbeit für sie gerade ein kleines Stück Normalität bedeutet, an dem sie sich festhalten möchten.

Privat läuft der Alltag für alle gleichermaßen weiter: Die Post liegt weiter im Briefkasten, Kinder wollen versorgt werden und irgendwer muss noch Milch kaufen. Ganz egal, was gerade im eigenen Körper passiert. Zur Krebserkrankung selbst kommt so, und das ganz unbemerkt, eine zweite Aufgabe hinzu. Nämlich weiterhin verlässlich, ansprechbar und irgendwie im Alltag klarzukommen. Und das ist verdammt hart und fühlt sich manchmal fast schon so fordernd an wie die Diagnose selbst.

Zwischen Pausieren und Weitermachen

Wer krankgeschrieben ist, hat – zumindest auf dem Papier – weniger Verpflichtungen. Trotzdem verschwindet der Druck nicht wirklich, er verschiebt sich nur. Jetzt geht es darum, Arzttermine zu koordinieren, Nebenwirkungen zu managen, für die Familie oder das private Umfeld ansprechbar zu bleiben. Und das, obwohl man selbst manchmal kaum stehen kann. Wer schon mal versucht hat, mit Chemo-Übelkeit gleichzeitig ein Kind zu trösten und beim Elternabend online präsent zu wirken, weiß: Das ist Theaterkunst auf hohem Niveau. Leider bleibt der Applaus hier meistens aus.

Für die, die in der Akuttherapie weiterarbeiten, wird dieser Druck oft noch größer. Hier treffen beide Ebenen gleichzeitig aufeinander: die Kolleg:innen, die möglichst wenig von den Nebenwirkungen mitbekommen sollen, und gleichzeitig das private Umfeld. Meetings mit fahler Gesichtsfarbe, ein vielleicht reduzierter, aber immer noch zu voller Kalender gehören hier nicht selten zum Alltag. Der Grund dafür ist selten Heldenmut. Sondern vielmehr ganz reale Sorgen: die Miete oder einfach die Angst, den Job zu verlieren, wenn zu lange nichts geht.

Was beide Gruppen eint, ist oft sehr leise, aber auch sehr präsent: der Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, das Bedürfnis, die eigene Rolle in Familie oder Job nicht kampflos aufzugeben. Und die Angst, dass mit gewohnten Funktionen vielleicht noch mehr vom früheren Selbst verloren geht.

Wenn die Behandlung endet, aber nicht die Erschöpfung

Besonders unterschätzt wird der Druck oft in der Zeit danach, ganz unabhängig davon, ob während der Therapie gearbeitet wurde oder nicht. Die Chemo ist vorbei, die Haare wachsen langsam nach und im Kalender der anderen steht wieder »normales Leben«. Beruflich bedeutet das für viele zunächst Reha und eine stufenweise Wiedereingliederung. Woche für Woche immer ein bisschen mehr Arbeitszeit, bis irgendwann wieder die volle Stelle ansteht. Druck entsteht dabei vor allem durch die Erwartung, in diesem laufenden Prozess möglichst schnell wieder zu funktionieren. Und vielleicht auch durch das Gefühl, mit jeder Steigerungsstufe wieder mehr leisten zu müssen. Und das, obwohl der Körper davon oft noch weit entfernt ist.

Privat heißt es: Freund:innen fragen seltener nach, weil sie ganz automatisch annehmen, dass jetzt alles wieder gut ist. Man sieht ja auch wieder gesund aus.

Was dabei leicht übersehen wird: Der eigene Kalender ist in dieser Phase alles andere als leer. Zwischen ganz normalen Terminen stehen plötzlich Nachsorgeuntersuchungen. Nicht selten begleitet von einer ganz eigenen Form der Angst, für die es inzwischen sogar einen Begriff gibt. »Scanxiety« nennt sich die manchmal wochenlang anhaltende Angst vor dem nächsten Scan und vor dem, was er zeigen könnte. Dazu kommen Termine bei Psychoonkologen, die helfen sollen, das Erlebte erst zu verstehen, bevor es überhaupt erst an das Verarbeiten gehen kann.

Und mittendrin die eigenen Sorgen um ein Wiederkehren der Erkrankung, die sich selten an einen festen Termin halten, sondern einfach da sind. Ganz plötzlich, mitten im Meeting, beim Einschlafen, beim Elternabend. All das läuft parallel zu einem Alltag, der von außen längst wieder ganz normal aussehen soll.

Genau hier beginnt für viele die eigentliche Belastungsprobe, still und meistens ohne Publikum. Fatigue, die Angst vor einem Rückfall oder einfach die Erfahrung, dass der eigene Körper noch lange nicht wieder der Alte ist. All das bleibt oft unsichtbar, weil von außen nichts mehr auf eine Krankheit hindeutet. Der Satz ›Du siehst aber gut aus‹ ist fast immer gut gemeint. Trotzdem kann er das Gefühl verstärken, dass die eigene Erschöpfung nicht mehr zählt, sobald das Umfeld für sich beschlossen hat, dass die Sache erledigt ist.

Verschiedene Wege, eine gemeinsame Wurzel

Egal, ob jemand während der Behandlung pausiert oder weiterarbeitet oder ob der Druck vor allem privat oder gleichzeitig beruflich entsteht: Am Ende geht es immer darum, trotz Symptomen irgendwie zu funktionieren oder zumindest so zu wirken. Dabei entsteht eine Art Fassade, die eine Zeit lang durchaus schützen kann, weil sie ein Gefühl von Kontrolle gibt, wenn sonst fast alles unkontrollierbar erscheint. Auf Dauer kostet genau diese Fassade aber die Kraft, die eigentlich für die Erholung gebraucht würde. ›Geht schon‹ geht dann schneller über die Lippen, als es eigentlich stimmt. Nicht aus Unehrlichkeit, sondern weil die Wahrheit in diesem Moment einfach anstrengender ist, als eine kleine Notlüge.

Was helfen kann, den Druck ein Stück zu verringern

Schlechte Nachrichten zuerst: Eine einfache Lösung dafür, weniger funktionieren zu müssen, gibt es leider nicht. Dafür liegt zu viel außerhalb der eigenen Kontrolle, gerade im Job oder in Beziehungen. Es gibt aber kleine Möglichkeiten, die den Druck ein wenig herausnehmen können. Dazu gehört, ganz konkret zu benennen, was gerade zu viel ist, statt nur allgemein zu sagen, dass alles schwer ist. Hilfe annehmen, auch wenn sie nicht perfekt ist. Und auch, wenn es schwerfällt. Besonders beim Wiedereinstieg in den Job oder auch mitten in der Behandlung offen sagen, dass das Wörtchen ›belastbar‹ nach einer Krebserkrankung eine eigene Definition im Duden verdient hat und nicht automatisch ›wie vorher‹  bedeutet. Auch wenn das Umfeld sich das von Herzen wünscht.

Für Angehörige, Freund:innen oder Kolleg:innen ist der Unterschied hier oft schwer zu erkennen. Wer während der Behandlung weiterarbeitet, wirkt nach außen häufig belastbarer, als er oder sie sich fühlt. Nach Abschluss der Therapie verschwindet das Verständnis für Erschöpfung dann oft ganz, privat wie beruflich. Schon die einfache Frage von anderen, wie es wirklich geht, statt einfach anzunehmen, dass jetzt alles wieder läuft wie früher, kann sehr viel bedeuten. Dabei offen und ehrlich darüber zu sprechen, wie es gerade geht, kann helfen.

Vielleicht braucht es am Ende gar nicht die perfekte Balance zwischen Krankheit und Alltag, sondern einfach die Erlaubnis, dass beides nicht gleichzeitig funktionieren muss. Ein Tag darf auch einfach nur ein Tag zum Durchkommen sein, ohne dass daraus ein persönliches Versagen abgeleitet wird. Der Druck, zu funktionieren, verschwindet dadurch nicht automatisch. Auch die Alltagsaufgaben leider nicht.

Aber er wird ein Stück leichter zu tragen, sobald man aufhört, sich selbst dafür zu verurteilen, ihn manchmal eben nicht zu schaffen.
Porträt von Jasmin mit kurzem dunklem Haar, heller Brille, roten Lippen und silbernen Creolen vor einem hellvioletten Hintergrund.Platzhalter Bild
Jessica hat lockige braune Haare und trägt ein dunkles Oberteil.Platzhalter Bild
Autor:in
Jasmin Faust
Designer:in
Jessica Krüger
Datum
4.11.2026

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Dinkel, A. (2022). Progredienzangst in der onkologischen Praxis: Kurzinterventionen können die Lebensqualität steigern. Deutsches Ärzteblatt, 119(20), 18. https://doi.org/10.3238/PersOnko.2022.05.20.02

Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ). Fatigue: Erschöpfung und Müdigkeit bei Krebs. https://www.krebsinformationsdienst.de/fileadmin/pdf-dateien/informationsblaetter/iblatt-fatigue-bei-krebs.pdf

Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ). Arbeiten mit einer Krebserkrankung: Krankschreibung, Krankengeld, Schwerbehinderung, Wiedereingliederung. https://www.krebsinformationsdienst.de/alltag-mit-krebs/arbeit-und-beruf

Illustration eines rosa Sparschweinchens

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